Wenn der Gast König und das Leben ein Fest ist

Wenn der Gast König und das Leben ein Fest ist

„Der Gast ist König.“ Dieser Satz wurde so oft zitiert und wenn ich auch weiß, was er in seinem Kern bedeutet, konnte ich ihn nie ganz unterschreiben. Ich glaube, wer in der Gastronomie arbeitet, dem sollte es wahre Freude bereiten Gastgeber zu sein und Menschen zu dienen. Genau in dieser Tätigkeit liegt eine tiefe Hingabe, so finde ich.


Ich hatte mal ein sehr langes und intensives Gespräch mit zwei Kinderkrankenschwestern, die beide in der Münchner Kinderonkologie arbeiten und darüber was im Gegensatz zu ihnen schon passiert, wenn uns ein Fehler unterläuft. Vielleicht sind die Kartoffeln versalzen oder ich kippe versehentlich ein Glas Rotwein auf das neue, fliederfarbene Sommerkleid eines Hochzeitgastes, was alles schon vorgekommen ist und was ich heute noch am liebsten ungeschehen machen würde. Aber im Vergleich zu dem sensiblen Umfeld in der Kinderonkologie, in der es sprichwörtlich um Leben oder Tod geht, ist das nicht im Ansatz zu vergleichen. Und da haben mir beide etwas sehr weises geantwortet, dass ich seitdem im Herzen trage und an das ich mich hin und wieder erinnere. Im Leben geht es darum sich gegenseitig „zu dienen“, sein Bestes zu geben, jeder das was er kann. Im Leichten, wie im Schweren und alles gehört irgendwie zusammen. „Was ist denn mehr Leben und Leichtigkeit als Essen, Trinken und zusammen feiern?“ hat mir einer der beiden Kinderkrankenpflegerinnen von damals geantwortet. Ich fand sie hat Recht und seitdem habe ich augenblicklich aufgehört, das eine wertvoller, als das andere zu betrachten.

Wenn wir neue Mitarbeiter bei uns einstellen, dann ist uns eine Sache besonders wichtig. Dieses Gefühl für den Gast. Ganz ehrlich, am liebsten würde ich jeden Gast umarmen, einfach dafür, dass er zu uns kommt. Nur deswegen gibt es ja den Arzbacher Hof und deswegen sind wir alle hier. Das Ziel ist, dem Gast eine wundervolle Zeit zu schenken. Am allerbesten in rauen Mengen, damit er eine große Extra-Portion davon mit zu sich nach Hause nehmen kann. Für den Service bedeutet das, authentisch und echt zu sein. Ich behaupte ja, dass Freundlichkeit, Ehrlichkeit und Offenheit Grundvoraussetzungen sind. Wie Service funktioniert und das ganze Know-How drum herum, das ist erlernbar. Umso mehr Freude und Leidenschaft mit im Spiel ist, umso besser und umso schneller kommt man voran.

Die letzten Jahre haben wir im Arzbacher Hof dafür immer wieder Serviceschulungen angeboten. Für alle die richtig Lust hatten in der Gastronomie zu arbeiten, aber keine Ahnung davon, wie man zum Beispiel vier Teller trägt, ein Tablett richtig hält oder wie Weinservice funktioniert. That’s it! Es kommt vielmehr darauf an, ob jemand grundsätzlich in die Gastronomie passt. Die Sache mit der Freundlichkeit, wie man mit Gästen umgeht, deine Teamfähigkeit und deine Einstellung ganz allgemein. Gastronomie, das ist manches Mal anstrengend und oft harte Arbeit, aber macht mindestens genauso viel Spaß. Vorausgesetzt es ist deins. Authentisch kann man eben nur sein, wenn man sich in wohl fühlt, mit dem was man tut. (das trifft übrigens auf jede Art von Arbeit zu)

Ich persönlich finde, die mürrische Kellnerin genauso fehl am Platz, wie das aufgesetzte Lächeln von geschultem Fachpersonal, welches zu oft nur in auswendig gelernten Standardsätzen antworten kann. Ich muss den Mensch dahinter spüren und schon das Gefühl haben, dass jemand seine Arbeit gern macht, noch besser aufrichtig liebt. Aber was ist denn nun mit dem Gast? Ist er denn nun König oder nicht? Im Grunde würde ich sagen schon. Doch auch hier gibt es eine goldene Regel. König sein bedeutet nämlich auch dem Servicepersonal, den Köchen und Köchinnen, einfach allen die dazu beitragen, dass es dem Gast gut geht, auf Augenhöhe und mit echter Wertschätzung zu begegnen. Ich erinnere mich an eine Situation aus meiner Ausbildung, an dem mich ein Gast so respektlos behandelt hatte, dass mir aus reiner Hilflosigkeit die Tränen in die Augen stiegen. Ich machte damals einfach nur einen Fehler, weil ich eben gerade angefangen hatte zu lernen und weil ich es nicht besser wusste. Situationen wie diese waren Gott sei Dank die Ausnahme, aber sie haben mich geprägt. Ich glaube, Fehler zu machen ist unumgänglich und wichtig, besonders wenn man lernt. Ich würde sagen, man muss dabei unbedingt mutig und freundlich bleiben und genau das, macht wie so oft den Unterschied. Es immer jedem Recht zu machen, geht schlichtweg nicht. Das habe ich auch lernen müssen und es geht am allerwenigsten, wenn das Problem ganz woanders liegt. Du kannst versuchen einen Gast mit schlechter Laune zu überzeugen, dass es das Leben gut meint. Wenn du es schaffst, ist das ganz wunderbar! Wenn nicht, koche einfach weiter mit Liebe, dann schmeckt auch das Essen. Sei ganz einfach weiter freundlich & mutig und wenn du der Gast bist, dann genieße königlich. Sei manches Mal nachsichtig, wenn kleine Fehler passieren, wir sind alle Menschen, die nur ihr Bestes geben. Und das werden wir einfach weiterhin tun: unser Bestes geben und jeden Augenblick davon auskosten. Das Leben ist ein Fest und wir feiern es gerne zusammen mit dir. Jeden einzelnen Tag,  Und das Allerbeste ist es, wenn aus all den Königen einmal echte Freunde geworden sind.

Du glaubst nicht wie glücklich wir sind, dass du da bist. Danke dafür aus ganzem Herzen.


 

Für Leni Tamika

Für Leni Tamika

Ich habe unsere Tochter vorher gefragt, ob ich das schreiben und ob ich das Foto von ihr auf den Blog stellen darf. Es ist schon irgendwie so, dass wenn du in einem Wirtshaus wohnst, du ja eh schon sehr öffentlich bist. Für uns ist das normal und trotzdem gibt es die vielen Dinge, die bei uns bleiben. Die uns heilig sind und die wir schützen, weil sie so persönlich sind, dass sie an Kraft verlieren würden, wenn ich nicht auf sie aufpasse. Das ist ein ganz feines Gefühl und es flüstert mir verlässlich zu, wenn ich bei uns bleiben soll. Ich konnte mich bisher immer darauf verlassen.
Doch ich glaube auch, man sollte offen sein. Umso offener wir Menschen sind, um so weniger Schatten kann sich zwischen uns verstecken. Offenheit bedeutet einfach keine Angst zu haben und zu vertrauen. Und ich war immer schon davon überzeugt, dass den Mutigen die Welt gehört, Liebe eben aus Mut gemacht wird und am Ende Träume wahr werden lässt.
Am Sonntag hatte unsere älteste Tochter ihre Erste Heilige Kommunion. Der Tag war ein Geschenk in jeder Hinsicht. Die Kirche, das wunderschöne Kleid, das meine Tante vor 28 Jahre für meine Kommunion genäht hatte, der Chor, der uns zu Tränen rührte, der herrliche Sommertag zusammen mit unserer Familie mittem im April bei uns im Arzbacher Hof Biergarten und unsere Tochter die noch heller strahlte. „Hast du das gespürt?“ hat sie mich gefragt. Ich wusste was sie meinte und das irgendetwas Magisches in diesem Tag lag. Uns fehlten beide die Worte und dann dachte ich im Stillen bei mir, wenn wir etwas fühlen, dass wir nicht beschreiben können, das aber dennoch da ist, ist es dann nicht ein Zeichen dafür, dass es etwas Höheres als uns gibt, von dem wir keine Ahnung haben? Ich bin mir immer sicherer, dass es genau so sein muss.
Und diesen Augenblick von dir, am Abend an deinem Tag, den behalte ich für immer in mir. Weil ich ihn nicht beschreiben kann, sowie dich nicht, meine mutige Tochter mit dem großem Herz und der unendlich weiten Seele. Keine Worte dieser Erde könnten dir davon erzählen, wie viel du mir bedeutest.

 Aus ganzem Herzen, deine Mama

Die Bedeutung von Ostern

Die Bedeutung von Ostern

Ich glaube, Glaube ist immer eng verbunden mit deiner Herkunft. Ich bin 1980 im südlichsten Oberbayern geboren und aufgewachsen, was in der Regel bedeutete, dass man automatisch auch katholisch ist. (wäre ich z.B. in Indien geboren, wäre das schätzungsweise anders)
Ich musste nie zur Kirche gehen, meine Eltern konnte es ja allein schon wegen der Arbeitszeiten im Arzbacher Hof selbst nicht. Aber ich wollte, weil ich immer eine sehr ausgeprägte Sehnsucht nach Spiritualität verspürte. Ich saugte alles auf, was mit diesem Thema zu tun hatte. Doch ich habe sehr schnell verstanden, dass Gott nicht ausschließlich in der Kirche zu finden ist, viel mehr in unseren eigenen Herzen. Dass der frommeste Mensch, nicht unbedingt der ist, der jeden Sonntag zum Gottesdienst geht, sondern der, der am meisten Liebe in sich trägt und nicht müde wird, sie bei jeder Gelegenheit in die Welt zu schicken.

Manches Mal kann Religion sogar gefährlich werden. Immer dann wenn sie in dem selben Namen missbraucht wird. Immer dann wenn sie nicht allumfassend ist, sondern ausschließend. Immer dann wenn sie verurteilt, statt zu verzeihen. Immer dann, wenn sie einen daran hindert die eigene Wahrheit in ganzer Kraft zu leben.
Heute war ich wie jedes Jahr mit unseren Kindern und Freunden auf dem Tölzer Kalvarienberg. Die Geschichte von Jesus faszinierte mich immer schon sehr. Das letzte Abendmahl. Judas Kuss. Die Kreuzigung. Die Auferstehung. Unabhängig was man glaubt, finde ich kann man sehr viel an Bedeutung draus ziehen.
Jesus hat das Kreuz für uns getragen. Vielleicht erinnern wir uns daran, wenn wir selber einmal schwer zu tragen haben.
Auch wenn die Mehrheit seine Botschaft nicht verstehen konnte, sie sogar mit Füßen getreten hatte, hielt er an ihr fest. Auch wenn die Mehrheit sich gegen ihn stellte, gab es doch eine kleine, treue Gemeinde, die hinter ihm stand. Die half das schwere Kreuz mitzutragen.
Die Auferstehung bedeutet nichts anderes als Hoffnung. Am Ende wird alles gut. Und dass die Liebe immer stärker ist als der Hass. Davon bin ich überzeugt!
Ich wünsche dir aus ganzem Herzen frohe Ostern. Glaube an was und wen du willst, aber unbedingt an die Liebe. Und höre nicht auf vor dir herzuleuchten und dir zu vertrauen.
Mehr kannst du nicht tun, aber das ist mehr als genug.

Weil du so besonders bist für mich

Weil du so besonders bist für mich

Manches Mal hält mich ein Gedanke wach und lässt mich erst dann wieder einschlafen, wenn ich ihm genügend Beachtung geschenkt habe.

Und ich erinnere mich, als ich noch ein Kind war. Glücklich das fünfte oder sechste, heimlich aus unserem Kühlraum geklaute Eis schleckend. Die Füße im Arzbach baumelnd und mit halbgeschlossenen Augen der Sonne entgegen blinzelnd. Ich habe euch ja schon oft erzählt, wie herrlich es ist in einem bayrischen Wirtshaus neben dem Alpencampingplatz aufwachsen zu dürfen. Ich glaube wirklich heute würde jeder Hirnforscher die Hände über den Kopf zusammenschlagen, über so viel idealen Nährboten für Serotonin, Dopamin und Oxytocin oder für sonstige Glücksbotenstoffe! Es ist nämlich das optimale Wechselspiel zwischen dem, dass die Eltern viel arbeiten, (und deswegen nicht alles immer genau beobachten, was die Kinder den ganzen Tag so tun) trotzdem für einen da sind und jeden Tag Menschen in deinem Haus ein- und ausgehen, die dir dann Geschichten aus der großen, weiten Welt erzählen. Ich fühlte mich verbunden und frei gleichzeitig. Heimweh und Sehnsucht auf einmal. Aber mit einem festen Platz im Herzen.

Und ich hatte viele Anlaufstellen. Die Münchner Camper die mit ihren Kindern am Wochenende zu ihren Wohnwägen zu uns auf’s Land kamen, die Urlauber, die Stammgäste, die Kinder auf dem Spielplatz… Ganz besonders erinnere ich mich an ein Rentnerehepaar, die ich irgendwie schon immer kannte. Sie waren schon so viele Jahre auf unserem Campingplatz und ihre Enkelkinder sind meine Freunde. Immer wenn sie bei uns waren, dann konnte ich zu jeder Tag- und Nachtzeit an ihren Wohnwagen klopfen. Sie machten immer auf. Mit einem breitem Lächeln in ihren Gesichtern. Ich spürte jedesmal genau, dass sie sich einfach nur freuten, wenn ich sie besuchen kam. Egal wie oft. Und ich glaube, das war das erste Mal außerhalb meiner Familie, dass mir jemand das Gefühl gab, dass ich etwas ganz Besonderes bin. Ohne dass sie sich dessen bewusst waren, haben sie mich damit reich beschenkt. Denn ich glaube, für ein Kind ist es eins der wertvollsten Geschenke überhaupt, zu wissen, es ist einzigartig und dass es genau deswegen geliebt wird. So wie es ist. Weil es einfach eine Freude ist, dass es da ist.

Auch später, als sich mein Radius über mein Eckerl hinten am Arzbach ausdehnte, traf ich immer wieder auf Menschen, die oft gerade in schwierigen Momenten, da waren. Einfach weil sie gar nicht anders konnten und weil uns etwas verband, was daraus entstand, dass wir uns so sehen konnten wie wir waren. Wir sehen uns nämlich immer ein Stück weit mit den Augen unserer Umgebung. Ich glaube viel mehr, als uns das bewusst ist. Und wenn du Glück hattest, bestand deine Umgebung hauptsächlich aus liebenden, wohlwollenden Menschen. Denn deine Wahrnehmung als Kind wird gerade darüber geprägt. Natürlich kann auch ein Kind eine gute Wahrnehmung über sich selbst entwickeln, wenn es anders aufwächst, aber ich glaube sehr viel leichter ist es, wenn jemand da ist, der es nicht nur liebt, sondern ihm vertraut. Wir sollten uns nicht so große Sorgen um die Zukunft unserer Kinder machen, sondern satt dessen einfach an sie glauben. Sie lassen wie sie sind und ihnen helfen ihren Weg zu finden. Gehen müssen sie ihn selber. Und das Beste ist es, wenn sie zusätzlich noch irgendwo eine Wohnwagentüre (oder so ähnlich) haben, bei der sie anklopfen können, weil ein Zuhause mit mehreren Anlaufstellen immer gut ist.

Kurz bevor wir uns in den Armen liegen, um uns ein gutes Neues Jahr zu wünschen. Ein paar Augenblicke bevor aus der Ferne die ersten Raketen in den Himmel geschossen werden und uns wissen lassen, dass es bald soweit ist. Genau dann, denke bitte einen Augenblick an mich. Nicht speziell an mich, es ist nur, weil ich dir etwas sagen möchte. Wenn du willst, dann halte es fest, pack es bitte behutsam ein und nimm es wie wertvolles Porzellan mit in dein Neues Jahr. Ich danke dir aus ganzem Herzen dafür.

Mitgefühl. Verschwende es. Halte dein Herz offen. Und bilde dir dein Urteil über eine Situation immer aus der Sicht vieler Zusammenhänge, den tausend Sichtweisen der anderen und nicht allein aus deiner eigenen Meinung. Werde nicht müde die Wahrheit so gut es geht zu finden. Es mag nicht immer die naheliegenste sein, aber ganz sicher immer die, die unter vielen Schichten in der Tiefe verborgen ist. Wahrheit mag subjektiv sein. Nicht aber die deines eigenen Herzens. Finde sie unbedingt und vertraue ihr. Sie ist der Schlüssel zu allem und öffnet für dich wichtigen Türen. ( du hast keine Ahnung, dass sie überhaupt da sind und wieviel dieser Türen es für dich gibt)
Glaube. Glaube an das Gute. Bedingungslos. Glaube so vertrauensvoll wie ein Kind und auf die Art und Weise, dass du nichts verdrängst, sondern wirklich hinschaust, wenn es wirklich wichtig ist. Es gibt Dinge, die sind schrecklich angsteinflößend. Lauf nicht weg. Bleib da, solange bis du verstehst was du daraus lernen konntest und dann gehe unbeirrt weiter deinen Weg. Glaube nicht an eine heile Welt, wohl aber an die Wahrheit. Vielleicht wird sie einen Tages dazu.
Liebe. So sehr wie du kannst. Immer wieder. Jeden Tag auf’s Neue. Liebe Menschen grundsätzlich. Werde nie überdrüssig davon. Irgendwann wirst du Meister darin sein und es wird dir so leicht fallen wie das Atmen. Liebe ohne Erwarten. Liebe mit deiner ganzen Hingabe, wohlwissend dass du all das was du so sehr liebst über Nacht auch verlieren kannst. Nicht aber in der Tiefe. Weil die Liebe bleibt. Weil wir lieben ohne Grund und das gleichzeitig einfach der beste Grund ist.
Freunde und Familie sind Geschenke. Lass keinen Tag vergehen ohne dafür dankbar zu sein und vergiss nicht ihnen hin und wieder auch zu sagen, wie sehr du sie liebst. Gesundheit. Wie wertvoll sie ist. Wie oft wir das erst bemerken, wenn sie uns fehlt. Sei überzeugt davon, dass du alles andere selbst in der Hand hast. Sei demütig und gleichzeitig hungrig auf’s Leben. Sei unbedingt mutig.

Habt ein lustiges und wundervolles Neues Jahr! Ich hab so viel Bilder im Kopf, was den Blog betrifft und so viel Herzklopfen bei all dem. Und ich nehme euch so gerne mit.

Aber jetzt geht raus und feiert. Als ob es kein Morgen gäbe. Passt gut auf euch auf! (und denkt mir ans Porzellan)

Ein glückliches, gesundes, lustiges und wundervolles Neues Jahr 2018!

 

Der heilige Antonius und seine Wunder

Der heilige Antonius und seine Wunder

Wenn man so wie ich in einem katholischen Ort in Oberbayern auf gewachsen ist, dann ist die ständige Anwesenheit und somit geistige Lebensbegleitung von diversen Schutzpatronen beinahe eine traditionelle Selbstverständlichkeit. Ich für meinen Teil habe immer an Engel geglaubt und dieser Glaube ist so unerschütterlich in mir verankert, dass ich es mir gar nicht mehr anders vorstellen kann. Für mich ist Glaube grundsätzlich mehr ein Gefühl. Etwas das ich spüre,  ohne es beim Namen nennen zu können und ohne es je gelehrt bekommen zu haben. Wäre ich in Indien geboren, wäre ich vermutlich dem Hinduismus zugewandt. In Tibet wäre ich höchstwahrscheinlich Buddhistin geworden und hätte ich an einen ganz anderen Ort das Licht der Welt erblickt, hätte ich mich vielleicht  gar keiner Glaubensrichtung zugehörig gefühlt.

Im Nachhinein würde ich sagen, war es mein großes Interesse an allem „Spirituellen“ und Religionen ganz allgemein, welches mich seit meiner Kindheit so an der Kirche anzog. Die Kirche war demnach gewissermaßen „nur“ ein Vermittler von der Gewissheit in mir, dass es weitaus mehr geben muss, als das was wir sehen und verstehen können.

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Wenn man Schutz braucht, dann betet man einfach zu seinem Schutzengel. Wenn man Gerechtigkeit erhofft zum Erzengel Michael (einer meiner Lieblingsheiligen, wahrscheinlich allein schon wegen der gemeinsamen Namensverbindung;-) und wenn man etwas verloren hat, bzw. nicht wieder finden kann, dann eben zum Heiligen Antonius.  So einfach ist das und so ist es Größenteils  in meinem kleinen, bayerischen Alpen-Dörfchen tatsächlich immer noch.

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es zwei Arten von Menschen gibt. Die ganz Ordentlichen, die immer genau wissen, wo sie ihre Sachen hingelegt haben und die, die tausend andere Dinge gleichzeitig im Kopf haben und so was wie Autoschlüssel grundsätzlich an jedem möglichen Ort ablegen. Ich gehöre zweifelsohne zu Kategorie zwei,  also letztere Gruppierung und bin somit tagtäglich im engen Zwiegespräch mit dem Patron. Man sagt ihm nach, dass er bestechlich sei. Er mag es nämlich ganz gerne,  wenn man ihm in seiner eigenen Hilflosigkeit eine Art Gegendeal vorschlägt. Win-Win sozusagen.

„Heilliger Antonius, kreizguader Mo, für mi an mein Schlüssel ro!“ Ein uraltes, überliefertes Gebet zur Kontaktaufnahmeerleichterung.  Funktioniert sofort.  Garantiert. Doch dann… lehnt er sich erst einmal lächelnd zurück der Antonius, verschränkt beide Arme vor seiner Brust und wartet genau wie ein Antiquitätenhändler vom Flohmarkt auf dein Angebot.  Wenn dann auch noch Zeitnot ins Spiel kommt, weil man den Autoschlüssel unbedingt JETZT braucht, eben weil man einen ultrasauwichtigen Termin hat und die Reserveschlüssel auch schon längst verschlampert hat, ja dann macht‘s ihm erst richtig Freude dem Herrn Patron. Schließlich fängt man in seiner Not an mit ihm zu verhandelt. „Wenn ich den Autoschlüssel jetzt finde, dann räume ich gleich morgen das Auto auf! Versprochen!“ Keine Reaktion. Hättest du eh machen müssen. „Ich schaue nachher noch bei Tante Helga zum Kaffeetrinken vorbei!“ Lang schon überfällig. „Also gut, 5 Euro Antoniusbrot“ (Antioniusbrot das ist der Opferstock in der Kirche nur für den heiligen Antonius. Schau einer an, sogar einen eigenen Opferstock hat er!) Gleich habe ich ihn. „10 Euro!“ Die Antwort kommt meistens in Bildern. Blumengießen. Ratsch mit der Nachbarin. Gießkanne abgestellt. Ahhhh….da muss er sein!  Und prompt liegt der Schlüssel genau dort, im Garten neben der Gießkanne. Der Termin kann gerade noch pünktlich eingehalten werden. Nie im Leben hätte man den Schlüssel DA vermutet. Überall! Nur nicht da.

Das es wirklich funktioniert, dass unterschreibe ich.  Man kann den Grund woanders suchen und alles rückwärts und vorwärts analysieren. Ob die Bilder eventuell vom kurz Innehalten her aus dem Unterbewusstsein heraufbeschworen worden sein könnten? Für mich und Bayern (ich spreche hier mal für die breite weiß-blaue Masse)  ist es einfach der heilige Antonius der uns aus den aussichtslosesten Situationen hilft. Warum haben wir sie denn sonst unsere Heiligen, wenn sie für uns in solchen Angelegenheiten nicht als himmlische Fürsprecher fungieren?

Dieser Beitrag ist praktisch gesponsert und entstand auch aus einer Verhandlungssache heraus. Ich habe dem „Doni“ nämlich schon mal einen Blogbeitrag versprochen und als ich letztes Mal kurz vor einem Gipfeltreffen meine Kamera einfach nicht mehr finden konnte obendrauf noch,  dass ich den versprochenen Beitrag nicht irgendwann, sondern sofort schreibe. Eine Minute später erschien auf magische Weise der Aufenthaltsort meiner vermissten Kamera vor meinem geistigen Auge. (ich hatte sie den ganzen Vormittag gesucht)

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Und wen ich jetzt immer noch nicht überzeugen konnte, dass es stimmt:  Hier sind drei meiner absoluten Highlights der Antonio-Erfolgsserie (die tägliche Schlüsselsucherei mal gar nicht erwähnt)

Erfolgsgeschichte Nummer 1

Ich war sehr jung und musste unbedingt auf eine Party, weil ich unbedingt einen bestimmten Menschen treffen musste, der für mich damals die Welt bedeutet hatte.  Handys gab’s nicht. Nur diese eine Gelegenheit ihn „zufällig“ dort zu sehen.  Gefühlt war es diese eine Party oder es würde nie, nie, nie wieder ein Aufeinandertreffen zustande kommen.  Für das hochwichtige Event gab es Eintrittskarten, die bereits ausverkauft waren und  diese Eintrittskarten finde ich jetzt, 30 Minuten vor Beginn der Veranstaltung einfach nicht.  Meine Freundin, die ebenfalls eine schicksalhafte Begegnung auf der Party vermutet hatte, musste natürlich auch unbedingt da hin. Doppeltes Pech, dass ich ausgerechnet beide Tickets verlegt habe. Somit bin ich jetzt zu allem Überfluss auch noch für den restlichen Verlauf des Liebeslebens meiner Freundin verantwortlich, das wahrscheinlich exakt heute eine bahnbrechende Wendung genommen hätte. Die Minuten vergehen und wir haben an allen, wirklich allen möglichen Orten gesucht. Da wir beide den gleichen bayrischen Immigrationshintergrund aufweisen, liegt es nahe angesichts dieser enormen Drucksituation den heiligen Antonius um Hilfe zu bitten. Ruhe. In sich gehen. Und aus einem inneren Impuls ziehe ich dann die Schubladentüre ganz raus. Da sind sie die begehrten Tickets ins Glück! Damals war das für uns wirklich lebensnotwendig, auch wenn wir den erhofften Mr Right auf der Party nicht getroffen haben. Beide nicht.  Nicht mal ansatzweise. Aber es wäre sowieso eindeutig viel zu früh für Mr. Right gewesen.

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Erfolgsgeschichte Nummer 2

Ein Jahr Amerika. Ich war immer noch sehr jung.  Aufgrund unüberbrückbarer Mentalitätsunterschiede musste  ich es irgendwann einsehen: ein Gastfamilien-Wechsel ist die scheinbar einzige Lösung aus dem Schlamassel. Gleich zu Beginn meines Au-pair-Jahres, als mich meine Gastfamilie noch nicht richtig kannte, hatte sie mir in amerikanischer Leichtigkeit den kompletten Schlüsselbund inkl. wichtiger Haus- und Autoschlüssel  und jeglicher Sicherheitsschlüssel zum Entsperren des kompletten Alarmsystems hinterlassen. Sollte der weg sein eröffneten sie mir freundlich bestimmt, dann kostet das a couple thousand dollars. Ahhhh, it’s a joke, dachte ich. In Wirklichkeit war es keiner, sondern ein ernsthaft gemeinter Warnhinweis, dass es wirklich genau a couple thousand dollars sind, wenn die Schlüssel tatsächlich einmal aus reiner Unachtsamkeit meinerseits verschwinden würden. Was sie natürlich taten. Ist ja klar. Morphisches Gesetz. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt an dem meine Tage bei meiner Gastfamilie schon gezählt waren. Oh my god, dachte ich. What am I doing here? Nach drei Tagen hoffnungslosem Suchen, erfand ich immer wieder neue und  kreativere Ausreden, warum ich nachts immer wieder alle raus klingeln musste, schließlich habe ich ja selbst einen Schlüssel. Ich fühlte mich schlecht. Really, reallly bad. Das war der Zeitpunkt als ich vor dem Spiegel die Körpersprache passend zu meinem Schuldeingeständnis einübte. (Bodylanguage ist alles – hat mir mal ein Amerikaner erzählt) Dabei stellte ich mich langsam seelisch darauf ein in naher Zukunft mit der ganzen Wahrheit raus rücken zu müssen.  Dann ist er mir auf einmal dort in der Ferne wieder eingefallen.  Mein heiliger Antonius. Wie heißt der eigentlich hier so? Holy Anthony? Wurscht, egal. Ich wurde ruhig, sagte mein Gebet auf und wartete auf eine Eingebung. Die kam prompt und schickte mich zum x-Mal zum Pink House. Dort wohnte eine wirklich gute Au-pair-Freundin von mir.  In der letzten Zeit übernachtet ziemlich oft bei ihr, weil ich weiteres Rausklingeln mitten in der Nacht dringlichst vermeiden wollte. Völlig verzweifelt mit den Tränen ringend, schilderte ich ihr meine ausweglose Situation und irgendwie lies ich mich dabei auf die Couch im ebenfalls pink living room fallen. Genau in diesem Moment – I promise – spüre ich mit meinen Fingerspitzen in der Ritze in der Mitte des Sofas den couple-thousand-dollar-key. Das gibt’s doch nicht! Ich bin mir sicher, er würde mit großer Wahrscheinlichkeit  heute noch dort liegen, hätte die Familie nicht vorher das uralte Sofa auf dem Sperrmüll entsorgt! Für mich war das zu diesem Zeitpunkt eine absolute Sensation! Ein Wunder!

Doch so sehr ich mich auch auf den Heiligen Antonius im In- und Ausland verlassen kann, so sehr bin ich mir auch sicher, dass es manches Mal einfach so sein soll, dass wir uns von Dingen trennen müssen. Wir müssen sie ziehen lassen, einfach weil sie nicht mehr zu uns gehören und weil sie gehen müssen, damit sie uns im Gegenzug dazu wieder Platz und Raum für etwas Neues schenken.  Deswegen erzähle ich euch jetzt noch eine letzte Geschichte. Solltest du das Gefühl haben, dass selbst der heilige Antonius dir einmal nicht helfen kann, dann denk immer dran: Wenn du etwas verlierst, dessen Weggang du nicht selbst verursacht hast, dann ist es an der Zeit es ganz los zu lassen. Und sei dir sicher, es kommt immer etwas noch besseres nach!

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Erfolgsgeschichte Nummer 3 –eine Los-Lass-Geschichte

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Wir sitzen mit unseren Kindern am Strand von Gran Canaria in dieser sagenhaften rosa-rot-orange-pink-lila-alles einhüllenden kurz vor Sonnenuntergangstimmung, die wir alle so aufrichtig lieben. Unser Sohn spielt ganz vertieft in der roten Sonne direkt am Meer mit seinem  Lieblingsspielzeug Capitan Hook. Plötzlich ein Aufschrei. Captian Hook ist weg! Er ist ihm einfach aus den Händen geglitten und von der nächsten Welle direkt in den Atlantik gespült worden. Wir sind sofort alle aufgesprungen um Captian Hook zu retten, aber mussten sehr bald fest stellen, dass es aussichtslos war. Ich erklärte unseren völlig aufgelösten Kind, dass es immer so ist. Wenn uns Dinge genommen werden und wir nichts dafür können, dann kommt etwas besseres nach. Garantiert. Kaum hatte ich das ausgesprochen, wurde von der nächsten Welle ein kleiner Spielzeug VW Bus angespült. „Cool!“ jauchzte das Kind, welches soeben noch am Boden zerstört war. „Den habe ich mir schon immer gewünscht!“ Einmal kurz Tränen abgewischt und weiter gings. Genauso soll es sein. Lektion gelernt.

Und so sehr ich ihm auch vertraue, meinem heiligen Antonius, so sehr bin ich auch davon überzeugt, dass es das Leben immer besser weiß als wir. Darum sei dir sicher, wenn etwas gehen will, dann musst du es los lassen und wenn du das schaffst, dann kommt immer noch ein Wunder hinterher. Und wer dafür verantwortlich ist, ist dann eigentlich egal.

Wie singt Nena so schön? „Wunder geschehen, ich habs gesehen. Es gibt so vieles was wir nicht verstehen. Was auch passiert, ich bleibe hier und geh den ganzen langen Weg mit dir.“

Ich wünsche euch, meine lieben Blogleser und Blogleserinnen aus ganzem Herzen ein unerschütterliches Vertrauen in euch und in das große Ganze. Da ist immer noch mehr als wir im Augenblick verstehen können!  Das Vertrauen darin ist ein unglaublich wertvoller Schatz, der euch wie eine leuchtende Laterne den Weg weist, mag die Nacht auch noch so dunkel erscheinen. Es wird wieder hell, es wird wieder gut. Sei dir da mal sicher.

Alles Liebe aus ganzem Herzen, eure Michaela

Habt ihr schon einmal von den Tölzer Stadtversucherinnen gehört? Die symphatische Birgit Mayr aus Bad Heilbrunn ist eine von den freundlichen Damen, die äußerst interessante und ebenso amüsante Stadttouren in Bad Tölz anbieten. Mittlerweile hat sie ihr zweites Buch über die ganz persönlichen Erfolgsgeschichten von denen ihr berichtet wurde, zusammen gestellt. Schau doch mal unter Tölzer Stadtversucherinnen  und überzeuge dich selbst. Auf der Seite gibt es auch einen Blog, rund um den heiligen Antonius.

Vielleicht hast du auch eine ganz persönliche Antonius-Erfolgsgeschichte? Unter allen Kommentaren auf dem Blog, bei Facebook oder Instagram verlosen ich eins der wundervollen Bücher von Birgit Mayr. Ich freue mich sehr darauf eure Geschichten zu hören.

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Bilder: Titelbild M.Linke, Beitragsbilder V.Kell (vielen Dank dafür)

(M)ein Leben ohne Handy

(M)ein Leben ohne Handy

„Gib mir mal kurz deine Handynummer…“ Diesen Satz habe ich in dieser oder ähnlicher Form schon oft gehört und immer ist meine Antwort die gleiche: „Geht leider nicht, denn…ich habe gar kein Handy.“

Nicht erst seit Kurzem und auch nicht weil ich mehr „Quality Time“ in mein Leben einladen will, auch nicht weil ich fest gestellt hätte, dass ich viel zu viel Zeit mit Whatsapp oder Scrollen der neuesten Facebook News verbringe. Es war im Grunde anfangs auch gar keine bewusste Entscheidung und es ist auch nicht so, dass ich noch nie ein Handy hatte. Ich hatte es wirklich aufrichtig versucht. Doch irgendwie wurde ein Gefühl immer stärker:  Das Handy (vom Smartphone ganz zu schweigen) und ich, wir passen einfach nicht zusammen. So wie wenn man eine Beziehung eingehen würde, die man eigentlich gar nicht will. Wenn man sich dann davon verabschiedet, tut es nicht mal richtig weh. Im Gegenteil man fühlt sich frei und kann völlig losgelöst wieder genau dorthin gehen, wo es einen wirklich hinzieht. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich tatsächlich einmal einen Beitrag darüber schreibe und schon gar nicht, dass ich einmal ein Exot sein werde, weil ich ohne Samsung oder I-phone durch die Welt spaziere. Aber hier ist die ganze Geschichte und wie es dazu kam oder eben nicht dazu kam. Der wahre Grund warum die Beziehung Handy und ich beidseitig vorteillos war und warum letztendlich auch das Smartphone nie wirklich bei mir sein wollte.

Ich bin 1980 geboren und hatte so praktisch eine Kindheit und Jugend ohne Handy verbracht. Mein erstes Handy hat mir mein Papa zu meinen 21. Geburtstag geschenkt. Damals arbeitete ich gerade in einem Hotel in der Schweiz und die Handysache kam gerade so auf. Anfangs speicherte ich gewissenhaft alle Nummern von Bekannten und Freunden ein und überschritt mit Leichtigkeit das monatliche Kontingent an Frei-SMS. Erreichbar (das war der Plan des Geschenks) war ich trotzdem nicht. Entweder weil ich arbeiten war, beim Skifahren oder abends ins Nachtleben von St.- Moritz untergetaucht bin. Bei letzteren hatte ich dann mein erstes Handy verloren.  Ich hatte es in irgendeiner Bar liegen lassen und nicht einmal mehr danach gesucht.

Mein Papa ließ nicht locker. Bei jedem weiterem Auslandsaufenthalt drückte er mir nun sein Handy in die Hand und ich schickte zumindest regelmäßige SMS über mein Befinden zu den besorgten Eltern nach Hause. Meine Verwandten und Freunde zu Hause antworteten in Telegrammform und informierten mich über die wichtigsten News im Tölzer Land. Das war ein guter Deal und zugegeben auch äußerst praktisch, denn mir lag ja auch viel daran zu wissen, ob zu Hause alles in Ordnung war.

Als dann ein längerer Aufenthalt in Südamerika ins Haus stand, hat mein Papa nicht mehr mitgespielt und mich kurzerhand zum Handyshop nach Bad Tölz geschleppt. Er kaufte mir ein Zweiband, Breitband ach-weiß-ich-was-Handy, jedenfalls eins bei dem ich ganz sicher überall in Südamerika erreichbar sein würde. Sollte in Arequipa ein Erdbeben sein oder einer der drei Vulkane ausbrechen, dass dachten meine Eltern nämlich insgeheim. In Peru bekam ich dann von meiner damaligen Spanisch-Lehrerin Claudia eine Simcard. Somit hatte ich ein peruanisches Handy und von nun an konnte man mich mit passend gegoogelter Billigvorwahl überall jenseits der Anden kostengünstig anrufen. Doch dann passierte etwas Seltsames. Durch die zahlreichen Internetcafés konnte ich jeden Tag schreiben. Und ich schrieb. Und schreib. Ellenlange Emails, Texte, Gedichte und handgeschriebene Briefe. Mit kleinen Coca-Blättern drin (ich bin mir nicht sicher, ob man das durfte, aber sie sind alle angekommen) bunten Peru-Mützen oder warmen Alpakasocken für die Daheimgebliebenen. Das Schreiben wurde mein liebstes Abendritual. Meine Verbindung nach Hause, mein Anker, während ich immer tiefer in das bunte Meer dieser mir fremden, aber so lieb gewonnenen Kultur eintauchte.  Aus der Heimat bekam ich ebenfalls sieben (!) riesengroße Weihnachtspakete über den Atlantik zu geschickt. Ich musste jedes Mal stundenlang am Postschalter warten, ehe ich es in Empfang nehmen durfte. Denn anders als bei uns, werden Pakete ab einem bestimmten Gewicht nicht mehr zugestellt. (Ich mutmaße das hat mit der Größe der Autos und Peruaner zu tun;-) Selten hatte ich mich so über Weihnachtsgeschenke gefreut wie damals. Ach was heißt gefreut, ich habe mich gar nicht mehr ein bekommen, so toll war das! Da ich mit meinem Rucksack noch weiterreiste, verschenkte ich das Meiste an Einheimische aus Arequipa. Geteilte Freude, doppelte Freude! Absolut. Ich schickte weiterhin brav jeden Tag die obligatorische SMS nach Hause, aber telefoniert hatte ich fast gar nicht mehr. Das ist dieser Tatort-Effekt. Kennst du das? Wenn du im Urlaub den Fernseher anschaltest und unverhofft ein deutscher Kommissar über den Bildschirm huscht. Da muss ich sofort ausschalten. Lieber schaue ich spanische Nachrichtensender und verstehe kein Wort! Doch keinen störte es wirklich, dass ich mein Handy meistens gar nicht an hatte oder ich nicht ran gehen konnte, weil es wieder irgendwo ganz tief unten in meinen vollgepackten Rucksack verstaut war. Und es war wunderbar! Meine Abendbeschäftigung blieb das Schreiben. Aber ansonsten wollte ich mich ganz dem Land hingeben, welches ich gerade durchreiste und das ja so viel von mir einnahm. Ich wollte da sein mit allen Sinnen und aus ganzem Herzen.

Als ich wieder zu Hause war, glich mein Kopf einem triefend nassen Schwamm, der bis zum Rand mit unzähligen Eindrücken gefüllt war. Ich war aufgewühlt, durcheinander. Weil ich etwas spürte, von dem ich selbst noch nicht heraus gefunden hatte was es war, nur eben das sich in diesem Augenblick alles für immer veränderte. Mein Handy lag unaufgeladen und wertlos in einer Schublade. Ich hatte es völlig vergessen und musste es richtig suchen, als ich es einmal mitnehmen wollte, weil ich mich mit Freunden auf dem Oktoberfest verabredet hatte. Wir hatten zwar einen Treffpunkt ausgemacht, aber nur für den Fall aller Fälle. Wirklich gebraucht hatte ich das Handy den ganzen Abend sowieso nicht. Warum auch. Wir hatten solchen Spaß!  Beim Nachhauseweg ist es dann doch passiert. Wir hatten uns alle aus den Augen verloren. Und ich weiß ihn noch ganz genau diesen Moment. Ich stand vor der S-Bahn und kramte das Handy aus der Schürzentasche meines Dirndls und…flupps…es fiel mir aus der Hand direkt vor die Bahngleise. Für einen Augenblick blieb ich fassungslos stehen und bedauerte meinen Verlust. Wie beim Schluss machen einer nicht allzu bedeutungsvollen Liebe. Plötzlich erinnert man sich an die guten Zeiten miteinander und es entsteht eine fast romantische, rührige Abschiedsstimmung, nach der man sich die ganze Zeit über immer gesehnt hatte. Ein älterer Herr in Tracht neben mir, hatte die Sentimentalität der Situation erkannt und sprach in ruhigem Münchner Dialekt besänftigend auf mich ein: „Ach mei Madl, es ist doch nur a Telefon. Los einfach liegn. Des konn ma ja wieder nachkaffn“ Mit seiner Art wie er auf mich einredete und die Hand dabei beschützend auf meine Schulter legte, wirkte er wie ein professionell geschulter Feuerwehrmann der jemanden vom Springen einer Brücke und damit vor dem drohenden Suizid abhalten wollte.  Fakt ist, ich wäre NIE nach gesprungen oder hätte anderweitige Zurückholungsaktionen gestartet. Ich stieg einfach in die heran fahrende S-Bahn, wohl wissend dass sie gleich über mein Handy rollen wird. Der Mann in Tracht winkte mir erleichtert durch die Fensterscheibe der S-Bahn zu. Er hatte ja keine Ahnung wie froh ich in Wirklichkeit war. Da wusste ich, das war’s. Mein Handy und ich, wir kommen nicht mehr zusammen. Nie wieder. Unsere Liebe ist einfach nicht groß genug.

Doch sie ist groß genug zum Briefe schreiben. Groß genug zum Schreiben überhaupt, wie für diesen Beitrag zum Beispiel. Diese Liebe vertraut bedingungslos der Intuition, weil sie weiß, dass die „richtigen“ Menschen zum „richtigen“ Zeitpunkt ausnahmelos immer aufeinander warten und sich finden werden. Sie glaubt daran, dass wir alle miteinander verbunden sind und immer dann, wenn es leise genug ist, wir uns tatsächlich hören können. Unsere Gedanken und unsere wahre Gefühle. Und meine Liebe möchte frei und nicht ab-oder anrufbar sein, vom Zufall geleitet und vom Unvorhersehbaren beflügelt. Sie ist hoffnungsvoll romantisch. Unterm Sternenhimmel, bei echten Momenten und immer dann, wenn etwas so schön ist, dass es sich nicht in Bilder festhalten lässt. Meine Liebe liebt ihrer selbst Willen und glaubt daran, weil sie weiß, dass es wahr ist.

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Versteht mich nicht falsch. Es ist nicht so, dass ich den Fortschritt den ein Smartphone bietet generell  nicht für gut heiße. Im Gegenteil. Es hat uns alle weit gebracht. Wenn wir dieses wertvolle Medium auf die richtige Art und Weise nützen, rücken wir dadurch sogar noch näher zusammen. Auch ich hätte oft gerne ein Smartphone gehabt. Bei Autopannen, beim Abkommen vom Weg auf einer Bergtour zum Beispiel…doch dann ist immer etwas passiert, was mich wieder gerettet hat. So wie es früher auch schon immer war. Es ist einfach zu stark in mir verwurzelt – dieses grenzenlose Urvertrauen. In die Menschen, in die Welt und auch in mich. Wie sehr ich mich doch darin aufgehoben fühle! Ich glaube einfach mein Fall ist speziell. (Aber das ist ja jeder) Tagtäglich klingelt gefühlt tausend Mal am Tag das Telefon. Hunderte von Nachrichten blinken am rund um die Uhr laufenden PC und sollten idealerweise gleich noch kurz beantwortet werden. Durchschnittlich über 28 000 Gäste besuchen im Jahr den Arzbacher Hof. (Wir hatten uns diese Zahl einmal hoch gerechnet) Was wunderbar ist. Wir lieben das. Nur ist es für mich schon fast überlebenswichtig, auf der anderen Seite diese grenzenlose Freiheit zu besitzen und eben nicht ständig abrufbar zu sein. Eine Freundin von mir sagte einmal. „Es ist seltsam, du bist für mich trotzdem immer erreichbar.“ Und meine Antwort ist: „Immer wenn ich spüre, du brauchst mich. Immer wenn du bei mir sein möchtest und ich bei dir. Weil es mir wichtig ist. Siehst du, ich brauche gar kein Handy. Weil es mir nicht wichtig ist.“

Ich wünsche dir, dass du dich immer mehr auf dich, wie auf dein Smartphone verlassen kannst. Das du immer das Gefühl hast mehr zu versäumen, wenn du deine Welt über das Display deines Handys betrachtest, als anders herum und dass du mit den Menschen die du liebst in Verbindung bist, egal ob der Akku geladen ist oder nicht. Das du immer noch am allerliebsten in das Gesicht des Menschen der dir gegenüber steht schaust und erkennen kannst ob es im gut geht oder nicht. Weil das nicht so einfach ist, wie sich hinter einem Smiley zu verstecken und weil eine echte Umarmung einfach immer noch am allerbesten ist.

Aus ganzem Herzen, deine M.