Der bayrische Patriot und sein Engel – Gipfeltreffen am Heigelkopf in Wackersberg

Der bayrische Patriot und sein Engel – Gipfeltreffen am Heigelkopf in Wackersberg

Das letzte Gipfeltreffen liegt schon wieder fast zwei Monate zurück und ich weiß nicht warum, aber es ist wie bei einem guten Wein, der erst eine Weile in sich ruhen muss, um in seine wahre Kraft zu kommen. Es ist seltsam, aber dort oben in den Bergen geschieht immer etwas, was ich nur schwer in Worte fassen kann. Für das Gipfeltreffen suche ich Menschen für euch aus, in denen ich etwas ganz besonderes sehe. Auch wenn im Grunde wirklich jeder einzelne genau das ist. Etwas ganz besonderes auf seine ganz eigene Art und Weise. Nur manches Mal spüre ich, da ist eine Geschichte hinter dieser Person, etwas das unbedingt erzählt werden muss. Damit diese Geschichte bleibt und nicht irgendwann verloren geht, so wie buntes Laub im Herbst, das durch die Wälder getragen wird und sich an einer unscheinbaren Ecke wieder zu Erde zurück verwandelt. Ich wünsche mir die Sonne möge in ihren hellsten und wärmsten Strahlen auf die bunten Blätter scheinen und sie zum Leuchten bringen, dass jeder der zufällig vorüber geht, fasziniert ist und staunt wie schön und vielfältig doch diese Welt ist. Vielleicht ist dann auch der ein oder andere von euch dabei, der für einen Moment stehen bleibt und eines dieser Blätter aufhebt, um es zu sich nach Hause mit zu nehmen. Vielleicht legst du es  in ein Buch, damit es ganz glatt wird  und lange hält und vielleicht erinnerst du dich dann zufällig an jenen magischen Moment im Wald, als du es gefunden hast.

Heute darf ich euch von zwei ganz unterschiedlichen und doch gleichen, farbenprächtigen und einzigartigen Geschichten erzählen, die am Ende zusammen doch auch wieder eine Geschichte sind. Es ist Ende Mai, als wir uns zu viert auf den Weg machen. Jochen, Carola, Hündin Emma und ich. Der Aufstieg zum Heigelkopf in Wackersberg führt über den Wanderparkplatz an der Waldherr Alm. Gemütlich spazieren wir den Fahrweg unterhalb der Alm entlang, bevor es vor der kleinen Brücke rechts Richtung Heigelkopf weiter geht. Ich kann mich tatsächlich an das allererste Gespräch mit Jochen erinnern. Das war, als er von ungefähr 7 Jahren einen Stellplatz bei uns auf dem Alpencampingplatz reserviert hatte und sich ausgiebig über den Campingplatz und seine Umgebung informierte. Das Gespräch war so freundlich und amüsant, dass es sich bei mir auf eine positive Art und Weise verankert hatte. Das war dann auch der Sommer indem sich Carola und Jochen auf dem Alpencampingplatz verlobt haben und Carolas unfassbar zauberhafte Gitarrenstimme noch wochenlang nach ihrem Urlaub in der Luft lag.

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Wo habt ihr euch denn eigentlich kennen gelernt?

(Jochen)Bei Schwofen in der Nähe von Straubing.

Schwofen?

Ja auf einer Techno-Party und schwofen ist so was wie …Tanzen. (Aha) Ich lebte ja damals in München und war mit einem Freund in Straubing. Carola ist mir gleich  aufgefallen und dann kam alles einfach so und wir hatten eine gute Zeit zusammen. Dann waren wir aber beide viel zu stolz um den anderen nach der Telefonnummer zu fragen und haben uns dann an diesen Abend tatsächlich noch aus den Augen verloren.

Wie habt ihr euch denn dann wieder gefunden?

Ich hatte bei den Lokalisten alle Carolas aus Straubing angeschrieben. Ich wusste ja nur ihren Namen und…

Carola: (lacht) …du hast die Carola aus Straubing mit dem geilen A….gesucht.

Und wieder gefunden.

Wie ging es dann mit euch weiter?

Wir haben uns in München in einem Cafe verabredet.

Ich kann mich erinnern…als du damals vor dem Cafe gestanden bist mit deinem langen Mantel. Wir waren beiden tatsächlich etwas schüchtern und total aufgeregt, dann bist du irgendwann aufgestanden, um zur Toilette zu gehen und hast mir kurz über den Kopf gestreichelt und gesagt: „Bis gleich dann.“ Das Eis war gebrochen und für mich das mit uns klar. Und ab diesem Tag waren wir zusammen.

Wir gehen aus dem kleinen Waldstück heraus, von wo an die Steigung langsam zu nimmt. Die Sonne brennt vom Himmel, an diesen ersten heißen, frühsommerlichen Tagen. Carolas und Jochens Hund Emma springt übermutig voran und zieht uns hinterher.

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Ihr beide seid doch so unterschiedlich und dann doch irgendwie auch so gleich. Zumindest nehme ich das so wahr. Wie seht ihr das denn?

 Ja, das stimmt schon. Was ich an Carola so schätze ist ihre bodenständige Art, mit der sie mich immer wieder dazu bringt auf dem Teppich zu bleiben, wenn ich dazu neige abzuheben. Oder auch wenn es darum geht, Dinge einfach mal ganz konservativ anzugehen und durch zu ziehen.

Und ich schätze genau das Gegenteil an dir. Deine  Weltoffenheit zum Beispiel, die sicher auch von deiner „bewegten“ Vergangenheit kommt.

Da muss ich natürlich nachhacken. Bewegte Vergangenheit?

Wie Jochen dann seinen Lebenslauf in Stichpunkten erzählt, staune ich nicht schlecht was doch alles tatsächlich in so ein junges Leben passt.

Als ich Carola traf, war das wie ein Segen. In gewisser Weise war sie wie ein Engel für mich. In erster Linie weil sie so ist, wie sie ist, aber auch, weil ich durch sie zum ersten Mal kennen lernen durfte, was es bedeutet, wenn man aus einer intakten Familie kommt. Bei mir war das nicht der Fall.

Willst du erzählen was passiert ist?

So vieles. Das glaube ich würde hier auch den Rahmen sprengen. Für mich war damals die Schmerzgrenze erreicht, als meine Mama meinen geliebten Papa damals verlassen hatte. Sie hatte sicher ihre berechtigten Gründe, aber das habe ich als Kind natürlich nicht verstanden. Die Situation zu Hause geriet dermaßen aus dem Ruder und als ich sechs Jahre alt war, habe ich mich entschieden lieber in einem Kinderheim zu leben als zu Hause. Meine beiden Geschwister sind bei meiner Mutter geblieben.

Puh, das ist aber eine wirklich taffe Entscheidung für einen Sechsjährigen.

Das stimmt. Aber im Nachhinein war es auch das Beste, was ich damals hätte machen können. In dem Kinderheim, das Caniushaus in Schwäbisch Gmund in dem ich war, bin ich sehr gut aufgehoben gewesen. Besonders Schwester Thadäa von den Franziskanerinnen hat sich rührend um mich gekümmert und ist ein so wertvoller Mensch für mich gewesen und ist es immer noch. Wegen ihr bin ich eigentlich auch erst Bayern Fan geworden.  (Jochen ist aktiver und leidenschaftlicher FC Bayern Fan)

Wie ist denn heute dein Verhältnis zu deiner Familie?

Zu meiner Schwester hatte ich immer schon eine sehr tiefe Verbindung. Mit meinen Eltern habe ich im Augenblick keinen regelmäßigen Kontakt. Auch wenn ich nicht vergessen kann was passiert ist und es mir auch schwer fällt zu verzeihen, bin ich mit mir und meiner Geschichte im Reinen.

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Wir erreichen die obere Hälfte des Steilstücks und drehen uns einmal kurz um, um die Berge um uns herum zu benennen. Von hier aus hat man auch einen ziemlich guten Blick auf die Benediktenwand und Jochen erzählt, dass vor ziemlich langer Zeit die erste große Bergtour die er jemals gemacht hatte, auf die Benediktenwand ging. Er ist mit einem Freund aus England unterwegs gewesen und hat zu der Zeit als starker Raucher fast die doppelte Stundenanzahl gebraucht, wie die Tour ausgeschrieben ist. Münchner Hausberge Teil1 Aber er ist angekommen und das ist alles was zählt. Das Felsmassiv der Wand hat er sich auf den Oberarm tätowieren lassen. Wie all die anderen Dinge auch die ihm unter die Haut gehen. Jedes seiner Tattoos erzählt eine Geschichte und es sind viele, viele Geschichten.

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Ich vermute einmal deine bewegte Zeit geht weiter?

Carola schmunzelt und Jochen erzählt: Ich machte auch eine ganz solide Ausbildung als Maler und Zimmerer und noch ganz andere “seriöse” Jobs.  Doch weil ich ja auch viel in der Techno-Szene unterwegs war, traf ich irgendwann auf einen in den 90ger Jahren ziemlich bekannten DJ aus Chicago. Er hatte mich gefragt, ob ich ihn als Tour Manager begleite würde. Eine riesengroße Sache für mich. Ich war anfangs zwanzig, hatte ein erfahrungsreiches Leben und sogar bereits eine kräftezerrende Scheidung hinter mir. Und zu diesem Zeitpunkt wollte ich einfach nur noch weg. Da kam dieses Angebot sehr gelegen. Ich bin dann mit ihm zusammen insgesamt 2,5 Jahre um die Welt getourt.

2,5 unglaubliche Jahre…was würdest du sagen hat dich da am meisten geprägt?

Es war eine ganz intensive und unglaubliche Zeit, die ich so auch nicht missen möchte. Am Schluss war ich aber so  ausgebrannt, dass ich in dem Hotel aufgewacht bin, in dem wir die letzte Nacht verbrachten und tatsächlich keine Ahnung mehr hatte in welchem Land wir uns derzeit überhaupt befanden. Weil es ist schon so, wenn du auf Tour bist: da wirst du am Flughafen abgeholt, ins Hotel gebracht, dann folgt für ein paar Stunden diese Show in der du der Allergrößte bist (auch wenn ich nur der Mann im Hintergrund war) und hinterher bist du wieder ganz alleine in deinem Hotelzimmer. Nach zwei Jahren war das einfach genug.

Wir biegen nach rechts ab. Es wären noch wenige Minuten zum Gipfel. Aber wir beschließen, hauptsächlich wegen Emma, die Bergtouren einfach noch gar nicht gewöhnt ist, ein paar Meter abseits vom Weg im Gras Platz zu nehmen. Und irgendwie passt es ganz gut, weil ich glaube, es ist manches Mal gar nicht so wichtig ganz oben anzukommen, sondern da, wo es sich richtig anfühlt. Ich mache meinen Rucksack auf und nehme unsere Brotzeit raus und ein paar Flaschen Hacker Pschorr Kellerbier. Jochens Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Doch passt definitiv nicht in ein einziges Gipfeltreffen. Und immer wieder ist da etwas, dass ich noch gar nicht über ihn gewusst hatte und das mich wirklich staunen lässt. Was passt nur alles in ein einziges Leben?  Jochen arbeitet in der Zeit als er Carola kennen lernte bei den „blauen Engeln“. Ein Unternehmen das Panzer repariert, wartet und unter Umständen auch mal bergen muss. Jochen war für die Firma in Kriegsgebieten wie z.B. in Afghanistan unterwegs. Bis Carola sehr bald sagte, dass sie das nicht mehr  kann. Diese Angst. Die ständige Ungewissheit. Die Sorge um ihn. Und Jochen verliess die blauen Engel. Und irgendwie war Carola, dann auch sein Engel.

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Carola und Jochen arbeiten mittlerweile beide dort, wo Carola schon seit ihrer Ausbildung zu Erzieherin tätig ist. Es geht um die Integration behinderter Erwachsener in das Berufsleben. Jochen ist in seiner Abteilung bei Menschen mit leichter Behinderung tätig und Carola arbeitet mit Schwerstbehinderten zusammen.

Carola du bist im Gegenzug zu Jochen ja sehr geborgen und behütet aufgewachsen…

Ja, meine Kindheit war wirklich das absolute Gegenteil. Ich bin ohne Geschwister ausgewachsen und habe zu meinen Eltern auch heute noch eine sehr innige Beziehung. Viele Sachen die bei Jochen so vorgefallen waren, waren mir neu und auch völlig fremd. Aber ich glaube auch gerade deswegen liegt darin auch eine große Chance. Die Dinge so zu sehen, wie sie auch laufen können und vom Guten auszugehen, anstelle  ohne jegliches Vertrauen. Das Leben ist auf unserer Seite.

Musik hat in deiner Familie ja immer schon eine sehr große Rolle gespielt und zusammen mit deinem Papa spielt ihr ja auch zusammen in der Nachtmusik. Ich vermute mal, du hast immer schon Musik gemacht…

Ja, das stimmt. Meine Mama war ja auch schon immer Musikerin, mein Papa sowieso. Ich hatte in der Grundschule das Glück von einem sehr guten Musiklehrer unterrichtet worden zu sein. Was meiner Meinung nach immer viel ausmacht, um die Begeisterung für die Musik aufrecht zu erhalten. Mein großes Ziel war früher immer, dass ich die Lieder die mir viel bedeuten irgendwann nach spielen kann. Und heute kamen und kommen sogar noch viele eigene Lieder dazu.

Du hast mir mal erzählt, dass du bei deiner Arbeit mit Schwerstbehinderten die Scheu vor Publikum zu spielen ganz verloren hast. Wie kam das?

Wir arbeiten unter anderem auch mit Musiktherapeuten  zusammen und einmal in der Woche spiele ich vor meiner Gruppe, was eine unglaubliche positive und beruhigende Wirkung auf alle hat. Durch genau dieses regelmäßige Spielen ist man es irgendwann gewohnt vor Publikum zu spielen. Es macht dann keinen großen  Unterschied mehr, ob es 10 oder 300 Menschen sind.

Ich persönlich könnte Carola stundenlang zuhören, weil ich ihre Musik einfach so gerne mag und vermisse die ganz besondere, einzigartige Stimmung die sich über den Alpencampingplatz wie eine große, weiße Friedenswolke ausbreitet, wenn Carola da ist, singt und Gitarre spielt. In der Adventszeit geht die Nachtmusik mit Christine Neubauer auf Weihnachtstour. Christine Neubauer liest weihnachtliche Geschichten und wird von der Nachtmusik musikalischer umrahmt. Die Tour startet am Donnerstag den 08.Dezember im Waitzinger Keller in Miesbach. Absolut lohnenswert, da bin ich mir sicher.

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Und wenn du dieses Gipfeltreffen bis zu Ende gelesen hast, dass dieses Mal besonders lange geworden ist,  dann freue ich mich. Dann freue ich mich sogar sehr und aus ganzem Herzen. Und ich freue mich auch darüber, dass der Zufall damals Carolas Eltern zu uns auf den Alpencampingplatz geführt hat. Denn genau genommen, waren die beiden schon vor vielen, vielen Jahren bei uns und so ist jetzt auch Carola und Jochen hier angekommen. Ihre Geschichte berührt mich zutiefst und ich bin froh, dass jetzt ein kleiner Teil davon aufgeschreiben ist, damit sie für immer bleibt und nie wieder verloren geht. Denn sie ist es wert. Sie ist es mehr als das. Danke Carola und Jochen aus ganzem Herzen.

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Mehr Info’s über die Nachtmusik unter http://nachtmusik.eu/

Des ganze Lebn vostraht

Kaffa/ Kaffa

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Info’s zur Tour zum Heigelkopf u.a. unter almenrausch.at

Ein Herz das kann man nicht verbrennen – Schwester Jutta im Arzbacher Hof

Ein Herz das  kann man nicht verbrennen – Schwester Jutta im Arzbacher Hof

Letzte Woche konntet ihr im aus-ganzem-Herzen-Blog das erste Gipfeltreffen nach lesen, diese Woche stelle ich euch den ersten Herzensmenschen  im Arzbacher Hof vor. Am allerliebsten hätte ich sie auch zu einem Gipfeltreffen eingeladen, aber dafür hatte uns leider die Zeit gefehlt. Seit vielen Jahren kommt sie in regelmäßigen Abständen zu uns in den Arzbacher Hof, nämlich immer dann wenn sie das Ferienhaus der Solanusschwester in Lenggries besucht. Wenn sie mit strahlenden Lächeln und ihren leuchtenden Augen den Raum betritt, ist es genauso wie wenn die Sonne aufgeht. Sie begrüßt uns freundlich, macht ein paar kleine Witze-wir sind uns wie immer kollektiv einig:  Wie schön, daß du wieder hier bist Schwester Jutta. Ihr geht es auch so, betont Schwester Jutta und vor einiger Zeit hat sie uns allen eine Halskette mit einem gesegneten Tau-Kreuz als Talisman geschenkt, die wir seitdem alle hüten wie einen kleinen Schatz von einem ganz besonderen Menschen. Das letzte Mal war Schwester Jutta im Herbst bei uns und ich habe ganz schnell alles stehen und liegen lassen und ihr zwischen Sonntagmittagsbetrieb, Bierbratel und Radler ein paar Fragen gestellt. Ich habe mich so gefreut, daß sie da war und obendrein meine Fragen auch noch gerne beantworten wollte und irgendwie haben wir es geschafft in der kurzen Zeit, Schwester Juttas Leben in Umrissen aufzuschreiben, wenn da auch noch sicher viel Platz für die Details wäre. Ich bitte euch aus ganzem Herzen, zwischen den Zeilen zu lesen und besonders mit offenen Herzen. Schau genauer hin, dann kannst du so wie auf dem Titelbild in ihren verschmitzten Augen ihren herzerfrischenden Humor und den unglaublich liebenswürdigen Menschen der sie zweifelsohne ist, erkennen. Schwester Jutta kommt meistens in Begleitung von einer Mitschwester oder so wie heute von Walter. Darum meine erste Frage…

Liebe Schwester Jutta, ich freue mich so, daß du und Walter wieder hier seit. Kannst du mir kurz erzählen, woher ihr euch überhaupt kennt?

Walter ist ein guter, langjähriger Freund von uns Solanusschwestern. Er und seine Frau Elsa, hatten vor sehr langer Zeit einmal in Landshut in unserem Mutterhaus vorgesprochen, sie würden gerne etwas mit den Schwestern unternehmen, wie eine Bergtour zum Beispiel und auch gerne da helfen, wo einmal Not am Mann ist. Zugegeben eine eher ungewöhnliche Art der Freundschaftsanfrage. Also ich habe mir im ersten Moment gedacht, mit denen stimmt doch was nicht. (Schwester Jutta lacht laut und zwinkert zu Walter rüber) Aber ich muß sagen die Freundschaft hat sich bewährt und ist heute nicht mehr wegzudenken. Walters Frau Elsa ist vor ein paar Jahren leider verstorben, doch die Verbindung zu uns Schwestern blieb trotzdem und Gottseidank weiterhin bestehen.

So, vorweg gleich die wichtigste Frage…

Warum ich ins Kloster gegangen bin?

Genau. Warum bist du ins Kloster gegangen Schwester Jutta?

Für mich war es eine Berufung, an der ich bis heute nicht gezweifelt habe.

Ab wann hattest du zum ersten Mal den Wunsch verspürt ins Kloster gehen zu wollen und warum wurde es letztendlich dann der Orden der Solanusschwestern in Landshut?

Ich hatte damals eine Hauswirtschaftslehre bei den Solanusschwester begonnen und merkte ziemlich schnell, das wäre alles auch was für mich. Nach der Ausbildung habe ich noch ein weiteres Jahr als Angestellte im Haus gearbeitet, bevor ich mich entgültig dazu entschloss dem Orden beizutreten. Es dauert relativ lange bis man sein Gelübe ablegt und damit offiziell Solanusschwester ist. Als erstes hat man eine Art Probezeit, die Kandidatur, das Postulat, anschließend das Noviziat, das zwei Jahre dauert, Profess auf1 Jahr, dann auf 3 Jahre und als allerletztes folgt dann die “Ewige Profess” die Profess auf Lebenszeit.

Da hast du dann dein Gelübde abgelegt?

Ja, das Gelübde auf Gehorsam, Armut und Ehelosigkeit und wir Schwestern leben in Gemeinschaft.

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Ich habe es nicht gefragt, aber es mir im Nachhinein gedacht. Es war bestimmt auch nicht einfach für die Familie von Schwester Jutta, ihre Tochter das Reserl, so hieß Schwester Jutta nämlich früher, ziehen zu lassen. Für uns hinterlässt der Gedanke an das Ablegen eines solchen Gelübdes oft ein “einengendes” Gefühl. Man verzichtet unter Umständen auch darauf einen Teil von einem selbst zu leben und nicht jeder ist sicherlich dafür geeignet. Aber ist es doch nicht auch so, daß wir das mit jeder Entscheidung die wir im Leben treffen nicht auch selbst ein Stück weit tun? Entscheide ich mich dafür zum Beispiel Kinder zu bekommen, übernehme ich Verantwortung und stelle zumindest vorrübergehend die eigene Freiheit und Selbstverwirklichung hinten an. Wähle ich einen bestimmten Beruf, schließe ich einen anderen aus…usw. Im Grunde ist also jede Entscheidung für oder gegen etwas, es kommt immer auf die Perspektive an aus der wir es betrachten. Schwester Jutta hat sich aus ganzem Herzen für ihren Glauben und ihr Leben als Nonne entschieden.

Die Kirche wird zur Zeit öffentlich oft scharf kritisiert. Was sagst du dazu, wo du doch so sehr mit dem katholischen Glauben verbunden bist?

Natürlich wenn etwas schief läuft, kann das keiner für gut heißen. Aber das tue ich grundsätzlich nicht, egal ob es in der Kirche oder außerhalb geschieht. Unrecht bleibt Unrecht. Wir organisieren im Orden oft Zusammenkünfte mit Jugendlichen in denen auch viel diskutiert und besprochen wird. So hat mir kürzlich erst ein junger Mensch genau die gleiche Frage gestellt wie du jetzt. Er hat auch kritisiert, daß die Kirche sich zu wenig für die Belange von Bedürftigen einsetzen würde. Und ich habe geantwortet indem ich ihn gefragt habe, was tust du, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen? Weil darauf kommt es an, was jeder einzelne beiträgt, ob er seinen Glauben lebt und Liebe weitergibt und nicht darauf was die Kirche macht. Die Kirche besteht auch nur aus Menschen.  Der Orden versucht immer nach dem Grundsatz unseres Gründers Pater Jakob Schauermann (1880-1957) zu handeln und auf die Zeichen der Zeit zu achten.

Was bedeutet das konkret?

Das bedeutet die Augen und Ohren offen zu halten für das was um uns herum passiert. Wir leben ja nicht isoliert in einem Kloster und bekommen von der Welt da draußen nichts mit. Erst kürzlich wurde bei uns im Orden besprochen, ob wir Flüchtlinge aufnehmen können oder nicht. Wir haben uns entschieden es nicht zu tun, obwohl Gründe wie die reine Nächsteliebe dafür sprechen würden. Die Entscheidung fiel viel mehr auf rationeller Ebene, weil wir Schwestern nicht mehr die Jüngsten sind und wir uns Aufgaben wie dieser im Moment nicht gewachsen fühlen. Hinzu kommt die Sprachbarriere und andere Dinge. Aber wir besprechen solche Sachen täglich in unserer Gemeinschaft und oft kann sicheine Entscheidung dann auch drehen. Es ist wichtig, nicht vorschnell zu handeln, nur aus dem spontanen Gefühl helfen zu wollen. Wir suchen nach der bestmöglichsten Lösung.

Ist es schwierig für euch neuen Mitschwestern zu finden, die dem Orden beitreten wollen?

Ja, ich denke das sind auch die Zeichen der Zeit. Unsere jüngste Mitschwester ist noch keine Vierzig und hatte ganz urplötzlich eine Rückenmarkinfarkt erlitten und sitzt seitdem im Rollstuhl. Sie meistert ihr Leben auch dank ihres starken Glaubens weiterhin sehr gut und kann sich auch nach wie vor selbst versorgen. Aber ich habe mich dennoch gefragt, was will uns Gott damit sagen? Wir werden alle nicht jünger und ich mache mir schon Sorgen, was mit uns Schwestern im Alter geschieht. Noch sind wir einigermaßen rüstig, aber das kann sich oft schnell ändern. Jetzt Michaela muß ich an das denken was du mir vorher erzählt hast. Das du manches Mal das Gefühl hast dringend etwas aufschreiben zu müssen, daß dir auf der Seele liegt. Du musst es die sprichwörtlich von der Seele schreiben.

Dieses Gefühl kenne ich sehr gut. So wie wenn einen ein Gedanke erst dann loslässt sobald man ihn frei lässt.

Genauso erging es mir vor einiger Zeit. Ich konnte nicht schlafen und bin also mitten in der Nacht aufgestanden und habe an unseren Gründer einen Brief geschrieben.  Daran habe ich ihn um ein Zeichen gebeten, was denn jetzt unsere Aufgabe sei, wo wir doch langsam aber sicher älter werden und unsere Kräfte schwinden. Die Mitschwestern haben den Brief gelesen und waren sehr berührt, weil sie genauso fühlen.

Ein paar Tage später kam Schwester Jutta mit den Handwerkern welche die Woche über im Ferienhaus gearbeitet haben noch einmal zu uns in den Arzbacher Hof zum Schweinhaxn-Essen. Sie hatte einen großen Umschlag mit Unterlagen der Solanusschwester für mich dabei ( für deinen Blog;-) und unter anderem den Brief den sie damals an den Gründer geschrieben hatte. Darin schreibt sie über die Mißstände die ihr vorschweben, über ihre Ängste und Wünsche und ich bin aus ganzem Herzen dankbar, daß ich ihn lesen durfte. Er hat mich auch so berührt, weil er einfach so ehrlich und  aus ganzem Herzen kam und mein Respekt vor Schwester Jutta ist dadurch nur noch größer geworden.

Du hast mir einmal von deinen Reisen zu den Missionsstationen erzählt, welche die Solanusschwestern weltweit aufgebaut haben. Kannst du mir kurz noch einmal davon erzählen, damit ich es aufschreiben kann?

Ich habe im Kloster unter anderem die Aufgabe erhalten, ein Zimmer zu räumen, zu sortieren…wenn eine unserer Mitschwestern im Orden verstorben ist. Darauf hin hat man mich auserwählt, meine erste Reise nach Natal/Südafrika anzutreten. Damals um die Missionsstation aufzulösen. Diese Reise hat mich sehr bewegt und so viel für mich verändert. Ich habe damals ein großes Feuer gemacht und all die Sachen die nicht mehr gebraucht wurden in Dankbarkeit verbrannt. Und als ich so am Feuer stand, kam mir der Gedanke: Du kannst alles Materielle verbrennen, es hat keine Bedeutung, das Herz aber (und die Seele) kannst du nicht verbrennen.

Wir unterbrechen das Gespräch für einen Augenblick. Schwester Jutta’s Augen füllen sich mit Tränen und ich kann so sehr fühlen, was sie im Moment fühlt. Und ich frage mich, was wäre passiert hätte man Schwester Jutta ihren Herzenswunsch erfüllt, auf einer der Missionsstationen des Ordens zu arbeiten? Das Gelübte beinhaltet auch Gehorsam und Schwester Jutta ist in Landshut im Mutterhaus geblieben, weil sie da gebraucht wurde. Ich kann mir das gut vorstellen, weil ihre ansteckende Energie einfach zu positiv ist, um darauf verzichten zu können.

Du durftest noch einmal auf eine große Reise gehen?

Ja und dafür bin ich unendlich dankbar.  Ich reiste für drei Wochen nach Coroatá in Brasilien. Diese Reise hat mir so viel bedeutet und ich durfte in dieser kurzen Zeit unglaublich viel lernen.

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Solanusschwestern in Brasilien

 

Schwester Jutta schwärmt mir noch von dem Land und von den Menschen vor. Erzählt aber auch von der Notwendigkeit und der Hilfe der Missonsstätte dort und ich könnte ihr noch stundenlang zuhören.

Es gibt mit Sicherheit auch viel in Landshut zu tun, darum hat man dich dann wieder zu Hause gebraucht.

Ja, es gibt viel zu tun. Der Orden ist ja auch der Träger des Kinderkrankenhauses St.Marien ( in dem übrigens Herr Dr. Bethke siehe 1.Gipfeltreffen für ein Jahr Schulleiter der Berufsschule für Kinderkrankenpflege war, so klein ist die Welt) und dann ja auch das Mutterhaus in Landshut. Deswegen haben wir ja auch ein Ferienhaus in Lenggries, indem wir uns hin und wieder alle erholen können.

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Das Mutterhaus in Landshut

Gibt es etwas, daß du den Bloglesern gerne mit auf den Weg geben möchtest?

Ich habe ja vorhin von den Zeichen der Zeit erzählt. Unser Patron nach dem wir gegründet wurden der heilige Franziskus Solanus (1549-1610) war ja auch ein Reisender, jemand der sich um Kranke und Menschen kümmerte die Hilfe brauchten und genau diese Zeichen der Zeit sehr genau beobachtet hat.

Ich glaube, es ist nicht wichtig, daß es in ein paar Jahren vielleicht keinen Orden der Solanusschwester mehr gibt, es ist auch nicht wichtig, das es mich, Schwester Jutta gibt oder gegeben hat. Wenn es so gewollt ist, dann soll es so sein und es ist auch gut so. Aber was mir am Herzen liegt, ist das der Glaube in den Familien weitergereicht wird. Der Glaube an Gott und daran, daß jeder Einzelne soviel Gutes bewirken kann, daß er die Welt damit verändert.

Liebe Schwester Jutta, ich danke dir für deine Zeit und aus ganzem Herzen für dieses tief bewegende Gespräch mit dir. Du bist ein leuchtendes Beispiel für das was Glaube sein kann und daß Kirche nicht  aus einem starrem Korsett aus Dogmen und auferlegten Glaubessätzen bestehen muß, sondern  lebendig sein kann und durch Menschen wie dich heller als je zu vor leuchtet.  Ich wünsche dir ( und natürlich auch Walter und Elsa, die weiterhin und auf ewig mit euch verbunden ist) und deinen Mitschwestern alles Glück dieser Erde und das die Sonne für dich scheint und dich wärmt, genau so wie du es für anderen tust.

Aus ganzem Herzen,

deine M.

Jeder von uns kann immer und überall da, wo er gerade ist, die Welt ein wenig besser machen/ das allererste Gipfeltreffen mit Dr.Ralph Bethke

Jeder von uns kann immer und überall da, wo er gerade ist, die Welt ein wenig besser machen/ das allererste Gipfeltreffen mit Dr.Ralph Bethke

Jetzt sind über fünf Monate vergangen, seit meinem ersten Gipfeltreffen und endlich, endlich darf ich jetzt darüber schreiben. Normalerweise möchte ich beim Gipfeltreffen ausschließlich über die Person schreiben, über die es tatsächlich geht, aber hier muss ich gleich eine Ausnahme machen, um die Geschichte zu erzählen die uns zueinander geführt hat. Auch wenn ich heute aus ganzem Herzen Wirtin vom Arzbacher Hof bin und das alles auch irgendwie als Berufung, Schicksal…empfinde, so war das nicht immer so klar wie heute. Manches Mal will das Leben, dass man erst einmal Abstand zu den Dingen bekommt und manches Mal muss man auch einen ganz anderen Weg einschlagen, um heraus zu finden was man wirklich will. Bei mir war das auf alle Fälle so. Und dieser Weg hat mich damals nach München zum Roten Kreuz verschlagen, um dort im biblischen Alter von 25 noch einmal eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester zu beginnen. Ich kann mich nur zu gut an damals erinnern, ich habe mich so auf die erste Psychologiestunden gefreut, einfach weil ich mich schon immer so dafür interessiert habe. Als dann Ralph (damals Herr Dr. Bethke) das Klassenzimmer betrat, erschien es mir mehr wie eine Bühne, als tatsächlich ein Klassenzimmer.

Die erste Stunde war als klassische Vorstellungsrunde gedacht gewesen, erinnerte aber mehr an einen Comedian Auftritt im positivsten Sinne. Das Eis war sekundenschnell gebrochen und von da an, wurden von uns allen immer die Tage gezählt bis der “Bethke” wieder als Dozent bei uns eingetragen war. Was mich damals so faszinierte war die Tatsache, dass Ralph uns Schülern alle im Lehrplan stehenden Themen auf eine so nachhaltige, größtenteils auch “unterhaltsame” Art und Weise vermitteln konnte,  dass wir wirklich nichts mehr zusätzlich zu Hause lernen mussten. Manchmal hielten wir uns stundenlang mit einen Thema auf, ein anderes Mal waren wir wieder ganz schnell mit etwas durch, aber ausnahmslos immer hat uns der Unterricht auch persönlich etwas gebracht. Ralph ist meiner Meinung nach das leuchtende Beispiel was Schule sein kann. Ein Ort der Begegnung, des Austausches und des Wachstums. Und damit übertreibe ich auch gar nicht.  Jetzt kam alles anders und trotzdem ich mich am Rotkreuzplatz und auch im Haunerschen Kinderkrankenhaus so wohl gefühlt habe, hat nichts daran vorbei geführt, diese innere Stimme zu überhören wieder einen Schritt zurück nach Hause zu gehen. Im ersten Moment fühlte es sich wirklich wie ein Rückschritt an, aber heute erst wird mir bewusst wie richtig und wichtig alles war und das wieder einmal alles auf wunderbare Weise zur richtigen Zeit passiert ist. Ein paar Monate später an einem Karfreitag ist Ralph und seine ganz zauberhafte Frau Angelika bei uns im Arzbacher Hof zum Essen vorbei gekommen. Was für eine Freude! Das war 2006 und seitdem ist daraus eine ganz persönliche Tradition entstanden und wir haben uns seither jeden einzelnen Karfreitag bei uns im Arzbacher Hof getroffen.  Zu stundenlangen Gesprächen bei denen die Zeit grundsätzlich viel zu schnell vergeht und was bleibt ist die Vorfreude auf den nächste Karfreitag.

Nun hat es sich so zugetragen, dass wir nächstes Jahr für eine “freie Trauung” bei uns im Arzbacher Hof noch einen Redner gesucht haben und weil sich niemand besser eignet, ist und Ralph eingefallen. Zu diesem Anlass ist Ralph dann außerkarfreitaglich zu uns in den Arzbacher Hof gekommen. Und wie hätte dieses 1. Gipfeltreffen besser gepasst, als für diesen Tag?

Ich hatte noch ein Hochzeitsvorbereitungsgespräch im Arzbacher Hof und wir sind viel später los als ich allerspätestens wollte. Jeder der uns kennt, weiß dass das im Grunde fast immer so ist. Pünktlich zu sein fällt schwer, einfach weil tausend kleine Dinge passieren, die man immer irgendwie noch unter bekommen will. Doch am Ende des Tages schafft man es dann doch noch irgendwie. So habe ich schnell ein paar Getränke und eine Brotzeit eingepackt.  Der Tank im VW-Bus war fast leer, also sind wir sicherheitshalber mit unserem Lieferauto, dem Ducato gefahren. Meine Nichte war längst schon da, um auf die Kinder aufzupassen. Baby Kati wollte mit, also habe ich sie auch noch eingepackt. Weil es jetzt wirklich eng würde mit der Zeit, habe ich für das erste Gipfeltreffen noch einmal die Sundraten ausgewählt. Das hat auch  einen symbolischen Hintergrund, weil die Idee dazu ist ja auch während einer Sundraten Tour entstanden. Eigentlich ja noch viel früher, weil es ist ja gar nicht meine Idee. Vielleicht kann ich das Werner Schmidbauer eines Tages einmal fragen, was man sich da dabei gedacht hatte. 😉

Den Weg zur Sundraten habe ich euch ja schon beim letzten Mal beschrieben, doch jede Wanderung ist immer einzigartig. Besonders auch diese hier. Ich habe kein Fernsehteam, dass mit mir mitgeht und auch keine Kameras die alles Gesagte aufzeichnen, ich versuche einfach mir alles zu merken. Heute nach vier Monaten, fällt es mir immer noch relativ leicht, den Tag abzurufen. Wie das immer so ist bei Erinnerungen an ganz besondere Menschen und ich freue mich so, euch (endlich) mitzunehmen zum allerersten Gipfeltreffen mit Dr. Ralph Bethke.

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Ralph kannst du uns kurz von deinem beruflichem Lebensweg erzählen?profil

Sehr gerne. Ich bin 1962 in München  Sendling geboren. Dort lebe ich auch jetzt noch. Zwar bin ich immer wieder umgezogen, aber Sendling ist neben Landshut bis heute mein Lebensmittelpunkt geblieben. Ich bin ganz normal ins Gymnasium gegangen, bis die damalige Lehrerin meiner Mutter den Ratschlag gab, mich wegen meiner nicht ganz so guten Leistungen in Mathematik lieber einen “gescheidn Beruf” erlernen zu lassen. Ich war mir damals selbst nicht sicher, was ich wirklich wollte. So bin nach der 10. Klasse mit der mittleren Reife vom Gymnasium gegangen um erst einmal eine Ausbildung als Verlagskaufmann zu beginnen. Ich machte die Ausbildung zwar zu Ende, aber dennoch fühlte ich, das es das nicht ist. Ich wusste zwar nicht was ich genau werden wollte, wußte dafür aber das ich gerne lehrte, es liebte Dinge weitergeben und auch kein Problem hatte vor Menschen frei zu sprechen.  Nach der Ausbildung habe ich das Abitur auf der Fachoberschule nachgeholt, habe Psychologie, Religionspädagogik und  Religionsphilosophie studiert. Letzteres weil ich mir durchaus vorstellen konnte evangelischer Pfarrer zu werden, was zu dieser Zeit auch mein Wunsch war.

Darum auch Religionspädagogik und Religionsphilosophie im Nebenfach?

Ja genau.

Warum hast du dich dann letztendlich für einen anderen Weg entschieden?

Wäre ich diesen Weg zu Ende gegangen, so hätte ich den Menschen vor denen ich dann ja auch gepredigt hätte eine bestimmte Lehre gewissermaßen “aufdrängen” müssen. Ich würde mich selbst als tiefgläubig beschreiben, doch genau deswegen konnte ich letztendlich diesen Weg nicht in aller Konsequenz gehen. Ich bin überzeugt, dass es nicht die eine Wahrheit gibt und dass Religion immer auch etwas ist, das jeder Mensch für sich selbst herausfinden muss. Meine Aufgabe sehe ich mehr darin, dem Menschen zu dienen und ihn auf seinen Weg zu begleiten. Mehr unterstützend, nicht aber missionierend.

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An dieser Stelle bleiben wir kurz stehen. Die Alpen vor uns färben sich rot-orangen und die Sonne ist gerade dabei langsam hinter den Bergen zu versinken.

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Du arbeitest mittlerweile schon über 25 Jahre als freier Dozent an mehreren Schule in und um München. Dabei unterrichtest du hauptsächlich junge Menschen. Gibt es eine Tendenz, eine Bewegung im Moment, worüber du sagen könntest, das ist typisch für die jetzige Generation?

Ich würde sagen, das viele der jungen Erwachsenen heute gar nicht wissen wer sie selbst sind. Damit meine ich nicht diese Art von Orientierungslosigkeit die fast alle Jugendliche umgibt, ja die sie sogar brauchen, denn schließlich muss jeder Mensch sich erst langsam vortasten wer er ist und was er werden will. Es ist viel mehr, dieses Gefühl sich selbst so wenig zu kennen. Wo sind meine Stärken, meine Schwächen, meine Talente, meine Begabungen…usw. Es ist wichtig sich selbst reflektieren zu können. Was kann ich besonders gut, was liegt mir nicht so sehr. Erst wenn ich diese Fragen für mich beantworten kann, dann kann ich mutig und selbstbewusst ins Leben gehen.IMG_8149

Um heraus zu finden, was ich im Leben wirklich will?

Ja, denn ich als Lehrer kann meine Schüler ja immer nur begleiten, ihnen evtl. eine Hilfestellung geben. Die Antwort auf die Frage, wer bin und wo will ich hin, muss jeder individuell selbst für sich beantworten.

Du hast Psychologie studiert. Wenn du zum Beispiel Menschen im Alltag begegnest, kommt es da öfters vor, dass du sie unbewusst analysierst? Also zum Beispiel, dieser Mensch könnte dies oder das Problem haben?

Ganz ehrlich? Umso mehr Wissen ich mir auf diesem Gebiet aneignen durfte, umso demütiger wurde ich tatsächlich. Ich würde mir nie ein Urteil über jemanden erlauben, weil ich ihn ja gar nicht kenne, noch weniger die Gründe warum jener Menschen so geworden ist, wie er eben ist. Es wirken immer so viele Dinge gleichzeitig darauf ein und kein Mensch ist ja wie der andere.

Für dich spielt der Glaube ja eine sehr große Rolle und ich erinnere mich, als einmal im Unterricht die Frage aufkam, ob du persönlich an ein Leben nach dem Tod glaubst. Du hast damals gar nicht mit ja geantwortet,  sondern ganz selbstverständlich und ausführlich davon berichtet, so als ob sich die Frage gar nicht stellen würde. Hand aufs Herz hast du nie daran gezweifelt?

Im Grunde nicht. Es ist für mich nicht eine Frage des Glaubens, mehr des Wissens. Darum zweifele ich auch nicht daran.

Warum bist du dir da so sicher?

Das kann ich dir auch nicht sagen. Es ist einfach so. Ein Buch welches mir zufällig zur rechten Zeit in die Hände fiel und mich sehr beeinflusst hat war das Schicksal als Chance von Thorwald Dethlefsen. Plötzlich war alles niedergeschrieben, was ich tief im Inneren eh schon immer gefühlt habe. Für mich war dieses Buch wirklich wie eine Offenbarung. Wie der Titel des Buches schon erahnen lässt, ist damit auch gemeint, dass wir immer auch die Aufgabe erhalten, die wir gerade brauchen und im Augenblick auch lösen können. Wir sind hier um zu wachsen. Mit jeder Aufgabe ein Stück mehr. Umso größer der Leidensdruck, umso dringender müssen wir unserem Leben eine Richtung geben. Und die geht möglicherweise ganz woanders hin, als wir uns das vorgestellt haben. Dabei wäre es doch so einfach. Achte auf deine Gefühle und du wirst deinen Weg wissen.

Gibt es dem noch was hinzuzufügen?

Nein, eigentlich nicht. Nur, das ich zugeben muss, dass das im Alltag nicht ganz so leicht ist. Ich selbst predige das ja auch immer regelrecht bei meinen Schülern, achte darauf ob es dir langfristig dabei gut geht, tut es das, dann bleibe dabei. Dann ertappe ich mich aber immer wieder selbst, wie ich mich bei verhältnismäßig kleinen Dingen immer noch aufrege und dann auch anders verhalte, obwohl ich es doch wissen müsste.

Hattest du persönlich einmal eine Krise, von der du sagst, diese hat alles verändert?

Tatsächlich keine einschneidende, erdbebengleiche Krise, von der ich sagen könnte, das hat alles auf den Kopf gestellt und von heute auf morgen verändert. Mehr die kleine Krisen, die einen aber dann doch aufstehen lassen, um etwas zu ändern.

Wir nähern uns dem Gipfel und als wir am Sundratenbankerl angekommen sind, dämmert es bereits. Leider habe ich auch keine Brotzeit a la Werner Schmidbauer mit selbstgebackenen Fleischpflanzerl vorzuweisen. Meine Brotzeit ist sagen wir mal so: eher einfach. ( Beim nächsten Gipfeltreffen dann!) Und weil ich wirklich selbst überrascht bin, daß wir doch so spät erst weggekommen sind, habe ich nicht einmal eine Taschenlampe eingepackt. Schnelle Brotzeit, ein paar Schlücke Weißbier und wir machen uns auf den Rückweg. Das obere Waldstückerl hat es in sich, langsam gehen wir den dunklen Steig nach unten. Irgendwann erreichen wir dann wieder die Lichtung und man kann zumindest jetzt wieder den Weg erkennen.

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Ralph du hast schon an so vielen Schulen unterrichtet, unter anderem auch Schulen als Direktor geleitet, wirst du weiterhin unterrichten?

Wahrscheinlich werde ich irgendwie immer als “Lehrer” ( im Sinne von lehren) tätig sein. In der nahe Zukunft ist jetzt aber geplant, dass ich mich zusammen mit Angelika (Ralphs große Liebe und langjähriger Lebensgefährtin) nach und nach mehr in ihrer Praxis mit einbringe. Wir planen gemeinsame Seminare und sehen uns als spirituelle Lebensbegleiter und Berater. Meine Zukunft wird also sicher mehr in Landshut sein.

Gibt es etwas das du unseren Bloglesern mit auf den Weg geben möchtest?

Jeder von uns kann immer und überall da, wo er gerade ist, die Welt ein wenig besser machen… Wir sind das Licht der Welt – lassen wir es leuchten!

Spontan dein Lieblingslied?

Spontan würde ich nennen: Whitney Houston, The Greatest Love of all…

Als wir fast unten am Sundratenparkplatz ankommen sind, scheinen über uns die Sterne. Was für eine wundervolle Herbstnacht!

Lieber Ralph, ich bedanke mich bei dir für deine Zeit, deine ehrlichen Antworten und für das bewegende Gespräch. Ich habe dich für das erste Gipfeltreffen ausgesucht, weil ich es so wichtig finde was du machst und noch mehr wie. Jede Schule kann nicht genug gute Lehrer haben, die ihre Aufgabe so ernst nehmen und mit solchem Herzblut dabei sind wie du. Auf was für wunderbare Schulen könnten wir alle unsere Kinder schicken! Wo sie gesehen und gehört werden, wo Glück ein Unterrichtsfach ist und Liebe der Wegweiser. Und dass du und Angelika jetzt zusammen in der Praxis in Landshut arbeiten werdet, finde ich den besten Gedanken überhaupt! Ihr zwei zusammen könnt Berge versetzten, dass habe ich immer schon gewusst. Ich freue mich so auf euch und auf den nächsten Karfreitag. Danke am allermeisten dafür, dass ich euch kennen lernen durfte!

aus ganzem Herzen M.

drralphbethke.de  www.angelikarosinapopp.de

Der magischer Moment und warum Berge der beste Ort dafür sind

Der magischer Moment und warum Berge der beste Ort dafür sind

Seit Langem schaue ich schon von hier unten rauf. Sehnsuchtsvoll. Verliebt. Besonders abends wenn die Sonne rotgolden hinter den Bergen versinkt und nur die Sunntratenspitze noch in hellem, lodernden Licht leuchtet, dann würde ich am liebsten da ob auf den kleinen Bankerl sitzen. Jetzt am Donnerstag war es endlich soweit: Ruhetag, Feierabend in der Alpencampingrezeption und ein Jetzt-oder-nie-Gedanke. Wer weiß wie lange der Sommer noch bei uns bleibt und die Sonntraten an einem lauen Sommerabend ist im wahrsten Sinne …einfach wundervoll! Die großen Kinder waren mit meinem Mann bei meinen Schwiegereltern und somit bestens versorgt, Baby Kati konnte bei Oma Betty unterschlupfen und somit habe ich in Windeseile meine Bergschuhe und unseren französischen Ferienjobbler Jaques eingepackt und bin los. Ich fühlte mich leicht, fast beschwingt und jeder Schritt nach oben fühlte sich an wie die ersten eiskalten Schlücke Wasser die man nach einer langen Zeit Durst aus einer glasklaren Quelle trinkt. Irgendwie fast lebenswichtig. Wir kraxelten querfeldein, sollte man nicht tun, ich weiß, aber der Weg ist so einfach noch schöner, als er ohnehin schon ist. Entlang dichtbewachsenen Brombeersträuchern, durch Zäune und Geäst hindurch, vorbei an graskauenden Geißböcken und glücklichen Kühen.

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Die Sonne war beinahe untergegangen und wir versuchten euphorisch noch schneller nach oben zu laufen, um pünktlich zum Sonnenuntergang noch auf dem Bankerl zu sitzen. Doch auf einmal war er da, der magische Moment. Wir haben es zwar nicht mehr bis zum Gipfel geschafft, aber das war ja dann auch egal. Vor uns färbte sich der Himmel in den allerschönsten Farben. Lila, Blau, Orange, Rot…Wir hielten an und staunten. Ein paar Minuten standen wir einfach nur so da. Man kann manches Mal so schwer beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn so ein Augenblick wie dieser daher kommt. Es ist ein Gefühl in dem sich ganz plötzlich ein unendlich tiefer Frieden überall um und in einem ausbreitet und sich wie ein sanfter Schleier über alles und jeden legt. Ich glaube, jeder der öfter und gerne auf die Berge geht, kennt es. Das Gipfelglück. Man ist dem Himmel so nah, körperlich und geistig.

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Kurze Zeit später sind wir dann tatsächlich oben angekommen. Das Bankerl is frei, Brotzeit und Getränke werden ausgepackt. Wir reden über all die Dinge in der die letzten drei Wochen wenig oder noch keine Zeit war. Dann schleicht sich kurz der Gedanke ein, was für ein idealer Rahmen das für diesen Blog wäre. So wie das Gipfeltreffen von Werner Schmidbauer, nur halt ohne Promis. Ich werde mir für’s nächste Mal, ein paar Fragen überlegen und für euch jemanden auswählen von dem ich finde, daß er wirklich Interessantes zu erzählen hat. Das hätte Jaques auch, da bin ich mir ganz sicher. Es kommt mir irgendwie so vor, daß man sich leichter öffnet während so einer Bergwanderung. Die Gespräche kommen aus der Tiefe, vielleicht weil man alleine schon optisch einen anderen Abstand und Blickwinkel zu den Dingen bekommt. Da sitzen wir nun schweigend auf unserem Bankerl, aber nicht weil es nichts zu sagen gibt, sondern weil gerade alles gesagt ist. Es ist alles gut.

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Als wir wieder ins Tal wandern leuchtet der Mond (fast Vollmond) und die Sterne für uns. Schon wieder ein magischer Moment. Heute läuft’s aber auch! Ich wünsche mir Jaques kann diese spontane Bergtour und seine Zeit bei uns im Arzbacher Hof mit nach Frankreich nehmen. Wenn es auch nicht einmal ein Monat war in der er bei uns war. Für uns war er eine Bereicherung in jeder Hinsicht und wir sind sehr dankbar, daß wir ihn und seine Familie ein bisserl kennen lernen durften.
Ich wünsche dir, Begegnungen die dein Herz berühren und Berge (und magische Orte) die das auch tun. Und wenn er dann kommt DER magische Moment, dann halt kurz inne und öffne dein Herz soweit es geht, bevor er wieder weg ist. Magische Momente ziehen schnell vorüber, das liegt in ihrer Natur. Wenn ich an dieser Stelle passend zu Frankreich den kleinen Prinzen sprechen lassen könnte, dann würde er sicher sagen, man sieht nur mit den Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Ich wünsche dir, dass du sehen kannst aus ganzem Herzen M.

Lese über die Suntraten (auch Sonntraten geschrieben) im Post “7 Geheimtipps für den Sommer im Isarwinkel”

www.auf-den-berg.de/wandern/bayern/wanderung-auf-die-sonntraten-bei-lenggries

www.hoehenrausch.de/berge/sonntraten/index.php