Mit Schneeschuhen über den Seufzerweg zum Brauneck – ein Gipfeltreffen mit meiner Schwester

Es ist einer der letzten Wintertage des Jahres. Kurz bevor die ersten Frühlingsblumen aus der Erde spitzen, die Schneeberge aber noch meterhoch in den Wald rein ragen. Das Wetter ist seit Wochen traumhaft schön und gleichzeitig klirrend kalt. Seit Kurzem traut sich jeder hier im Isarwinkel über ein Wintermärchen zu sprechen, ohne Angst zu haben, sich vielleicht doch zu früh gefreut zu haben. Die Wintersportler kommen zur Zeit voll und ganz auf ihre Kosten und auch ich habe mich heute auf den Weg gemacht. Mit einem ganz besonderen Gast in meinem Gipfeltreffen. Meiner Schwester Christine. Auch wenn wir uns häufiger sehen, weil wir allein schon räumlich nur wenige Kilometer voneinander entfernt wohnen, ist es trotzdem eher eine Seltenheit, dass wir beide es zusammen auf einen Berg schaffen. Auch den Termin fürs Gipfeltreffen haben wir immer wieder verschoben. So war erst ein Frühlingstreffen, dann ein Sommer-Herbst- und jetzt ist eben ein Wintertreffen daraus geworden. Und es sollte tatsächlich ganze 9 Monate dauern, bis ich es jetzt für euch aufschreibe. Wer den Tourenverlauf noch einmal genau nachlesen will, der kann das auf meinem Gastartikel Traumtour- Schneeschuhwanderung beim Münchner Kindl  gerne tun. (Übrigens ein Blog den ich sehr gerne lese und daher wärmstens empfehlen kann)

Wir starten mit unseren vollgebackten Rücksäcken mit Brotzeit, warmen Getränken und alkoholfreien Paulaner Weißbier am Draxlhang in Wegscheid. Den Zipfelbob für die Abfahrt ziehen wir an einer am Rucksack befestigten Schnurr hinter uns her. Da überall noch so viel Schnee liegt, befestigen wir unsere Schneeschuhe unter den Füßen und stapfen los. Im Tal ist dichter Nebel, aber die Panorama-Cam auf dem Brauneck  hat uns vorweg verraten, dass oben auf dem Gipfel die Sonne scheint.  Meine Schwester und ich freuen uns, denn wir beiden lieben diese Bergtage, wenn sich auf einmal die Wolkendecke hebt und der Himmel blau wird. Als wir an der Skischule Lenggries links abbiegen, fährt gerade eine kleine Gruppe mit Ski-Kindern zum Lift und ich werde wehmütig. Bevor wir Kinder hatten und den Arzbacher Hof übernahmen, habe ich die Vormittage und Nachmittag immer hier am Hang verbracht und selbst Skikurse gegeben. Das war so eine spezielle und für mich auch unvergessliche Zeit, in der ich jede Minute davon zutiefst genossen habe. Kurz später erreichen wir das Waldstück und somit den Beginn des Seufzer Weges, den sich meine Schwester heute ausgesucht hat, um ihn zusammen mit mir zu gehen. Aus der Ferne schon erkennt meine Schwester den Mann ihrer Freundin, der ebenfalls in diese Richtung unterwegs ist. Wir bleiben stehen und unterhalten uns. Meine Schwester erkundigt sich nach seinem Befinden, weil er gesundheitlich lange Zeit ziemlich angeschlagen war, wie sie mir später erzählte. Das ist typisch für meine Schwester stelle ich fest.  Sie interessiert sich immer dafür wie es allen geht.  Aber nicht aus einer Neugierde heraus, sondern aus aufrichtigem Mitgefühl. Ich glaube das ist eine große Gabe, die auch sehr schätze an ihr. Wir stehen dort eine Weile, ehe wir wieder losmarschieren. Unserem Mitwanderer geben wir den Vortritt, schließlich sind wir langsamer, weil wir ja so viel zu reden haben. Da ist er sich sicher. Er räuspert sich und lächelt, bevor er vor uns im Wald verschwindet. Rechts neben uns sehen wir ganze Scharen von Skitourengänger am Pistenrand entlang gehen, bevor wir selbst in den Wald wandern. Meine Schwester meint, dass sie sich jedes Mal wieder wundert, warum so wenige den Seufzerweg gehen und alle Tourengänder die Piste bevorzugen. So ist auch heute wir sind ganz alleine.

In Kurzform die Lebensgeschichte meiner Schwester aufzuschreiben ist für mich eine ziemliche Herausforderung. Auf der einen Seite kenne ich sie zu gut, auf der anderen Seite gibt es sicher vieles, was sie mir so noch nicht erzählt hatte. Uns trennen 14 Jahre Altersunterschied, meine Schwester ist das zweite und ich das vierte und letzte Kind in unserer Familie. Im Sommer wurde meine Schwester 50 Jahre alt. Sie hat ihren Geburtstag bei uns im Arzbacher Hof gefeiert und ich weiß nicht genau warum ich das so empfinde, aber ich habe es schon oft festgestellt. Der 50. Geburtstag symbolisiert irgendwie die Lebensmitte.  Ein großer Teil des Lebens ist gelebt, wenn vielleicht noch ein ebenso großer vor einen liegt, ist das „Lebenswerk“ gerade zu diesem Zeitpunkt oft gut erkennbar. (auch wenn es sicher auch hier Ausnahmen gibt und manche Menschen auch im hohen Alter es schaffen einen kompletten Lebensentwurf noch durch und durch umzukrempeln) Ich kann mich so gut an den Tag erinnern, alles war so friedlich, so stimmig. Meine Schwester hatte eine spontane Rede gehalten, die mich (und viele anderen Gäste der Feier) so sehr zu Tränen gerührt hatte, dass ich nicht mehr in der Lage war, das Gedicht, das ich für sie geschrieben hatte,  ohne zittrige Stimme vorzutragen. Heute Morgen habe ich den Zettel  noch einmal ausgedruckt und schnell noch in meinem Rucksack gepackt, vielleicht finden wir ein paar Minuten heute.  Was an diesem Tag so schön zu sehen war, da ist eine Frau, die ist absolut angekommen in ihrem Leben. Das Wichtigste sind ihr Mann und ihre drei Kinder und diese Familie ruht so in sich. Meine Nichten und mein Neffe, die mittlerweile alle volljährig sind und selbst so klar und selbstsicher ihren Weg gehen. Auch wenn es da hin und wieder Hürden gibt, dann soll es halt so sein. Ich glaube sie wissen einfach, eine starke und große Familie hinter sich zu haben und das ist alles was zählt

Rückblickend wenn du auf dein Leben zurückblickst, würdest du sagen, jeden Entscheidung und jede Weggablung war genau richtig?

Ja unbedingt. Und bei den Dingen, die ich jetzt vielleicht anders machen würde,  gehörte es damals dazu sich genau so zu entscheiden und es war wichtig auf meinem Lebensweg, denn nur so habe ich auch unglaublich viel lernen können.  Es gibt nur sehr wenige Entscheidungen mit denen ich im Nachhinein gehadert habe, die aber so sein mussten. Vielleicht kann man es als Schicksal beschreiben. Ich weiß es nicht. Aber sie gehören unbedingt auch zu mir.

Ich empfinde dich als total ja…angekommen.

Ja, das bin ich und so fühle ich mich auch.

Du weißt ja, dass ich meine Kindheit so geliebt habe im Arzbacher Hof.  Du warst damals ja schon ein Teenager als ich geboren wurde, wie hast du denn deine Kindheit am Arzbach wahrgenommen?

Ähnlich wie du. Ich war ja auch so ein freiheitsliebendes Kind und da war es schon ein Segen auf einem Alpencampingplatz aufwachsen zu dürfen. Da waren viele Kinder aus allen Teilen Europas, aber auch immer wiederkehrende Freunde, bei denen die Eltern auf dem Campingplatz einen Dauerstellplatz gemietet hatten.  Du weißt ja, zu einigen habe ich auch heute noch einen guten Kontakt und die Freundschaft hat bis heute gehalten. So ist es bei dir ja auch. (Stimmt) Und ich kann mich auch noch so gut an die Oma Kathi erinnern. Sie war so eine herzensgute Frau und hat sich rührend um uns gekümmert. Den Opa Michl habe ich ja leider auch nicht mehr gekannt. Nur die  lustigen Geschichten von ihm. Ich bin mir sicher, wir hätten uns gut verstanden.

Ich fühle zu beiden einen enge Verbundenheit, obwohl ich sie ja nie getroffen habe. Ein sehr wesentlicher Teil unserer Familiengeschichte ereignete sich bevor ich geboren wurde und hat alles was bisher war, auf den Kopf gestellt, um neue Regeln zu schreiben. Die wunderbare Kindheit wie sie auch meine Schwester erlebt hatte, war jäh zu Ende. Alles fing damit an, als unser damals 1,5 jähriger Bruder ganz plötzlich an Krebs erkrankte. Gehirntumor. Das war ein Schock für alle. Es folgten viele Krankenhausaufenthalte. Angst. Viele Tränen. Ein halbes Jahr später ist das Unvorstellbare eingetreten. Unser Bruder Thomas ist gestorben und keiner hätte ihn je aufhalten können.  Er wurde gerade einmal zwei Jahre alt.

Ich war so tiefgründig traurig, dass ich nicht mehr zu weinen aufhören konnte.  Ich erinnere mich an die große Freude in mir, als Thomas geboren wurde. Ich habe ihn sofort ins Herz geschlossen. Er hatte so einen sanften,  gutmutigen Blick und war ein so fröhliches Kind. Vor seiner Erkrankung haben wir ein unglaublich schönes Jahr zusammen verbracht. Ich bin als große Schwester oft mit ihm spazieren gegangen und erinnere mich noch wie heute, wie oft wir zusammen das Schlümpfelied gesungen haben, dass er so sehr liebte.  Als Papa heimkam um uns die traurige Nachricht zu überbringen ist für uns alle eine Welt zusammen gebrochen.  Unsere Eltern trauerten selbst so sehr, dass sie ihre beiden Töchter, die ja ebenfalls gerade einen Bruder verloren hatten nicht mehr wahrnahmen.  Das war furchtbar, aber ich wusste intuitiv, dass sie gar nicht anders konnten. Die Trauer war einfach zu übermächtig. Der Papa ist nach der Nacht in der Thomas gegangen ist alleine ins Krankenhaus gefahren. Ihm wurde gesagt, dass sein Sohn gerade verstorben ist. Bis zum Schluß hatte er verdrängt, dass das tatsächlich passieren kann, obwohl alle Anzeichen darauf hindeuteten. Er verabschiedet sich von seinem toten Kind und ist danach alleine mit dem Auto wieder aus München heimgefahren. Ohne mit jemanden aus der Familie zu reden. Das war damals so. Heute wäre es glaube ich Gott sei Dank unvorstellbar. Im Grunde hätten wir alle therapeutische Hilfe gebraucht.

Meine Schwester hat so tief getrauert, dass sie kurze Zeit später selbst krank wurde.  Sie konnte keinen Schritt mehr gehen und keiner wusste so Recht was los ist.

Ich kann mich nur erinnern, dass mir die Gelenke auf einmal alle so weh taten.  Mama und Papa waren verzweifelt. Gerade ist ein Kind gestorben und jetzt kann das nächste plötzlich nicht mehr gehen. Als wir damals beim Arzt waren, fragte mich Papa ob es geht, wenn ich alleine die Treppen runter ging.  Ich bejahte, wäre aber beinahe zusammen gebrochen, solche Schmerzen hatte ich. Ich konnte ja jetzt nicht auch noch krank werden, dass übersteht jetzt keiner mehr in unserer Familie.  Als die Diagnose „Juvenile chronische Arthritis“ zum ersten Mal ausgesprochen war, da waren unsere Eltern erstmals heilfroh, dass es nur Rheuma war. Was das genau bedeutete, war uns damals allen noch nicht bewusst.

Was bedeutet diese Diagnose für dich?

Ich musste für mehrere Monate in die Kinderrheumaklinik nach Garmisch. Das war zu anfangs furchtbar schlimm für mich. Auch für Mama und Papa, die mich am liebsten sofort wieder mit nach Hause genommen hätten. Das ging aber nicht. Die Ärzte waren alle sehr nett und hatten mir dann alles gut und ausführlich erklärt, dass ich verstand warum ich bleiben musste. Fortan war mein Alltag ein anderer. Ich ging dort zur Schule und wenn ich abends wenn mich keiner sah heimlich viele Tränen weinte, so ging ich denoch gestärkt aus der Situation hervor.  Das war das Positive neben all den starken Schmerzen. Ich fand bald Freunde und musst  jetzt einfach früh erwachsen werden.

Rheuma verläuft oft schubförmig. Nach einem Anfall kommt es zu einer Ruhephase und nach einer gewissen Zeit erneut zu Beschwerden. Auslöser sind sogenannte Gedächtnis-T-Lymphozyten, die die Erinnerung an frühere Angriffe speichern. Sie ziehen sich, zeigen neue Studien, wenige Wochen ins Knochenmark oder andere lymphatische Organe zurück und schlummern dort bis zum nächsten Anfall. Was die genau die Auslöser sind ist wissen selbst die Experten bis heute nicht genau. Meine Schwester ist sich fast sicher, dass die tiefe Trauer um unseren Bruder eine große Rolle spielte.

Dann kamst irgendwann du dazu. Die ganze Familie freute sich damals so sehr, dass wir wieder ein Baby in unserer Mitte hatten. Auch wenn es sich jetzt überzogen anhört, war es doch so. Irgendwie kam die Freude zu uns zurück.

Ich erinnere mich sehr gut an meine beiden Schwestern.  Christl ( so wie mir meine Schwester nennen) hat mir viele Geschichten erzählt , die ich heute noch an unsere Kinder weitergebe. Sie hat oft mit mir Ausflüge unternommen und morgens in ihrer Wohnung in unserem Haus Frühstück für alle gemacht oder abends Spaghetti mit Tomatensoße gekocht. Ich kann den Geschmack heute noch abrufen. Mein Lieblingsessen.  Aber ich weiß auch wie schlimm es war, wenn wieder einer dieser Rheumaschube kam. Wenn meine Schwester Tage in der Badewanne verbracht hatte, weil es da am erträglichsten für sie war und wie man sie später dort wieder rausheben musste und sie schrie vor Schmerzen. Dann wusste ich heute ist kein guter Tag zum Geschichten erzählen und hab sie damals sehr vermisst. Anfangs 20 hatte meine Schwester ihr erstes künstliches Hüftgelenk bekommen, heute sind beide Hüften mehrmals operiert. Aber…die Rheumaschübe die blieben irgendwann aus. Gott sei Dank! Der letzte liegt mittlerweile 15 Jahre zurück. Was wirklich ein Segen ist!

Nach dem Schulabschluss nach der 9.Klasse jobbt Christl in der Phase wo es ihr besser ging in einem Hotel in der Nähe. Meine Schwester konnte ja wegen der ganzen Schübe auf gar keine weiterführende Schule mehr gehen oder eine Berufsausbildung anfangen.

Damals habe ich so viel gelernt und was auch extrem wichtig für mein Selbstbewusstsein gewesen ist. Irgendwann habe ich dann den Mut gefasst und mich für eine Umschulung als Medizinische Fachangestellte beworben. Die Schule war in Kirchseeon und die nötigen Praktika absolvierte ich bei Dr. Berger in Lenggries. Ich war ehrgeizig und gleichzeitig so dankbar, endlich einen Beruf erlernen zu dürfen, der mir auch sehr viel Spaß machte. Gleichzeitig konnte ich ja auch anderen  helfen, was im Grunde schon genau meins ist. Ich konnte mich halt einfach gut einfühlen, weil ich es ja selber kannte, wie es sich anfühlt krank zu sein. Als ich mit meiner Ausbildung fertig war, arbeitet ich im Kursanatorium Heßlinger in Bad Tölz, was für mich auch eine richtig gute und lehrreiche Zeit war.

Als 1992 mein kleiner Neffe zur Welt kam, wohnte meine Schwester noch ein paar Monate bei uns. Ich weiß noch wie traurig ich war, als sie damals nach der Hochzeit auszog. Natürlich freute ich mich für meine Schwester und ihren Mann, aber es war einfach auch schön wenn sie da war und in meinem kleinen Neffen war ich eh sofort verliebt. Meine Schwester und ihr Mann Hans bauten ein wunderschönes Haus. Solltet  ihr nicht aus dem Isarwinkel sein und einmal hier Urlaub machen wollen, dann kann ich euch die wirklich tollen Ferienwohnungen Wackersberg  dort sehr ans Herz legen und das nicht weil sie meine Schwester ist.  Meine beiden Nichten wurden geboren und das Familieglück war perfekt. Na fast, die beide Haustiere Stupsi und Lucy fehlten noch. Zwei Zwergziegen, die muss man haben, wenn man schon mal Geisreiter mit Nachnamen heißt.

Das wirklich Witzige ist, bei unserem Gipfeltreffen haben wir uns zwar über alle die Dinge unterhalten, aber immer wieder sind wir auf Menschen gestoßen, die sich…ja uns irgendwie anschlossen. (und es waren nicht viele unterwegs auf dem Seufzer Weg) Aus dem anfänglichen Smalltalk wurden richtige tiefgründige Gespräche und so kam es, dass wir am Ende mit einer ganze Karawane oben ankamen.  Da ich die Geschichte meiner Schwester ja kenne, fällt es mir relativ leicht die Lücken dazwischen zu füllen, aber lustig fanden wir das schon. Da waren wir jetzt endlich auf unserem Gipfeltreffen und kamen selbst nicht zu Wort, weil uns so viel Menschen begegneten mite denen wir uns jetzt stattdessen unterhielten.

Irgendwie, meinte meine Schwester sei das schon typisch für uns zwei. Wir ziehen das magisch an. Und ja irgendwie hat sie damit auch Recht.  Die Gespräche waren wirklich nett, aber jetzt verabschiedeten wir uns von den freundlichen Herren, die mit ihren Tourenski jetzt links Richtung Anderl Alm abbogen. Die hatten sich vorher auch nicht gekannt und hatten jetzt sichtbar Spaß zusammen. Also alles wunderbar. Wir nahmen den Weg rechts, Richtung Florihang. Ganz oben steht da das Teehütterl, das guten Freunden von unseren Eltern gehört. Dort gibt’s ein kleines Sonnerbankerl, dort wollten wir unsere Brotzeit genießen.

Dann als die Kinder groß waren, erfüllte meine Schwester sich noch einen Wunsch und schlug beruflich noch einmal einen ganz neuen Weg ein. Wie war das denn damals? Warum hast du dich noch einmal dazu entschieden auf die Kosmetikschule zu gehen?

Es war tatsächlich fast wie eine Vision. (lacht) Ich war einmal selbst bei einer Kosmetikerin und als ich dort so auf der Liege lag, dachte ich mir, dass könnte ich mir auch total gut vorstellen! Bei uns war alles gerade im Umbruch. Ich arbeitete damals ja im Krankenhaus, habe aber gerade aufgehört, weil es für mich einfach nicht mehr stimmig war. Auch wenn mir die Arbeit an sich immer sehr viel Freude bereitet hatte.  Gerade in diese Zeit würde das alles  hervorragend passen. Vor meinem geistigen Auge tauchten Bilder auf, von meinem eigenen Kosmetikstudio. Ich konnte mir das alles so gut vorstellen und war Feuer und Flamme. Auf der anderen Seite war natürlich auch der Zweifel jetzt mit vierzig noch eine Ausbildung anzufangen. Aber ich habs dann einfach gemacht und bis heute nie bereut. In der Ausbildung war ich die Älteste der Klasse und hatte mir selbst einen unheimlichen Druck aufgebaut, alles perfekt machen zu wollen. Auch wenn ich es heute vielleicht ein bisschen lockerer sehen würde, war das zu dieser Zeit genau richtig. Es hat mir gezeigt, dass ich es wirklich ernst meine und ich habe ja auch viel gelernt. Heute hat meine Schwester einen beachtlichen Kundenstamm aufgebaut und ein wirkliches tolles Studio mit Panorama-Bergblick eingerichtet. Ihr Mann Hans hat ihr dabei sehr geholfen.  Das war immer schon so. Er hat mich immer unterstützt bei allem was ich gemacht habe und das schätze ich auch sehr an ihm.

Meine Schwester kennt ihren Mann seit der Grundschule. Sie sind seit der ersten Klasse zusammen zur Schule gegangen. Das wirklich Ungewöhnliche ist, dass ein Großteil der Klasse noch heute sehr gut befreundet ist. Einmal im Monat treffen sie sich alle im Arzbacher Hof zum Stammtisch oder fahren auch schon mal ein Wochenende gemeisam weg. Dann gibt es da noch diese Gruppe der „Bergfrauen“ wie sie sich selbst nennen. Einmal in der Woche unternehmen sie eine Tour und das schon 20 Jahre lang. Auch mehrtägig gemeinsam Radltouren gehören da fest zum Jahresplan. Dann fallen mir auf Anhieb noch locker eine Hand voll guter Freunde ein.  Mann kann sagen meine Schwester ist von vielen guten Freunden umringt.

 All diese Freundschaften sind mir enorm wichtig. Und ich weiß wie dankbar ich sein kann, so viele gute Freunde in meinem Leben zu haben. Keinen davon möchte ich missen. Auch meinen Mann so lange an meiner Seite zu wissen und immer noch soviel Liebe und Glück für ihn zu empfinden und jetzt unsere drei Kinder ihren eigenen Weg gehen zu sehen das ist ein Geschenk.

Wir wandern durch die Wolkendecke hindurch.  Was ist das für ein befreiendes und wunderschönes Gefühl auf einmal über den Wolken zu stehen. Ich glaube das passt auch zum Leben meiner Schwester. Wie oft ihr auch die Perspektive gefehlt hat und wie oft auch die Sicht nicht klar gewesen sein mag, sie hat sich immer irgendwie durchgekämpft. Weil sie eben so ist, wie sie ist. Weil sie immer an das Gute glaubt und darin so unerschütterlich ist. Sie ist einer der positivsten Menschen die ich kenne. Als wir an unserem Bankerl ankommen, scheint die Sonne auf uns. Das haben wir uns verdient, meint meine Schwester. Ja, sage ich, das haben wir. Wohlwissend, dass viel mehr hinter diesem Satz steckt. Ich packen eine reichhaltige Brotzeit aus und wir lassen es uns schmecken. Lange noch sitzen wir da oben, bevor wir uns mit dem Bob  an die Abfahrt machen.

Natürlich nicht ohne vorher noch in der Anderl Alm zu einem Kaffee und Kuchen einzukehren. So ein schöner Tag! Auch hier treffen wir wieder viele Menschen, diesmal Bekannte. Das ist einfach so. Es gehört einfach dazu. Wahrscheinlich zu uns beiden.

Kurz bevor wir uns ganz auf den Weg machen, finden wir hinter der kleinen Hütte neben dem Weg einen Platz in er Sonne ganz für uns alleine.

Und ich krame das Gedicht heraus, dass ich damals nicht sagen konnte, weil ich vor Rührung die Worte nicht mehr aussprechen konnte. Wenn du magst kannst du es am Ende des Videos gerne lesen. So ist meine Schwester nämlich wirklich und ich hoffe ich konnte sie so gut wie möglich für euch beschreiben. Das Lied von Sinead o connor war lange Zeit ihr Lieblingslied. Heute wenn immer ich es höre, muss ich automatiosch an meine Schwester denken. Wenn ihr sie noch nicht kennt, dann hoffe ich ihr lernt sie irgendwann kennen. Das Gipfeltreffen ist nur ein kleiner Auszug, ich könnte sprichwörtlich ein Buch über sie schreiben.  Nach dem Gedicht, kullern jetzt meiner Schwester ein paar Tränen über die Wangen. „Ich fühle mich so gesehen und so erkannt!“ sagt sie. Ja genau so ging es mir, bei deiner Ansprache an deinem Geburtstag. Und was ist das nur für ein Geschenk richtig gesehen und erkannt zu werden. Wir schweigen eine Weile, weil manchens Mal alles gesagt ist,ohne das man es tatsächlich ausspricht. Bevor es dämmert machen wir uns in der späten Nachmittagssonne langsam auf den Weg.

Was sind deine Worte, die du den Lesern des Gipfeltreffens jetzt am Schluss mitgeben möchtest?

Geh den Weg der Mitte. Das ist wirklich der goldene Weg.  Finde deinen Weg, wo ist deine Mitte, wo stehst du? Die Mitte lässt dich ruhig und gelassen werden.  Habe aber unbedingt das Vertrauen in dich alles was du dir wünscht auch schaffen zu können.  Der Weg der Mitte bedeutet vielleicht bescheiden zu sein, wohl aber nicht in der Wahl deines Herzens. Denn dem musst du bindungslos folgen.

Wir setzten uns beide auf den Bob und rodeln nach unten. Wie schön das alles ist! Durch diesen herrlichen Wald zu fahren, in der Natur zu sein und bei dir zu sein. Meine große Schwester. Danke dir aus ganzem Herzen dafür, dass du da bist. Du bist ein so wertvoller und ehrlicher Mensch und ich schätze dich. Und schaue zu dir auf. Weil ich deine kleine Schwester bin.

Danke dafür aus ganzem Herzen ♥


8 thoughts on “Mit Schneeschuhen über den Seufzerweg zum Brauneck – ein Gipfeltreffen mit meiner Schwester

  1. Ein unglaublich starkes Gipfeltreffen, mit so fühl Gefühl, Herz und Liebe… Was für eine starke Frau, nein, was für unglaublich 2 starke Frauen!!! Eine so berührende Lebensgeschichte und ein ein wirklich von tiefstem Herzen kommendes Gedicht. Ich bin einfach sprachlos.

  2. Liebe Christine…ach, ich danke dir aus ganzem Herzen für deine Worte! Du glaubst nicht wie sehr ich mich über sie freue ♥

  3. Liebe michaela
    die Geschichte hat uns zu Tränen gerührt was hat eure Familie ertragen müssen… und wie stark habt ihr sein müssen…
    Viele liebe Grüße von den Berlinern Sebastian und Ulli

  4. Liebe Uli und lieber Sebastian, vielen Dank für denKommentar (der mich ganz besonders freut) und auch für die lustige Email 🙂 Wir wünschen euch auch aus ganzem Herzen ein frohes, gesundes und lustiges Fest! Ich glaube im Leben muss man wirklich jeden Tag geniessen und alles, alles wertschätzen. Weil es nicht selbstverständlich ist. Auch nicht, dass ihr jedes Jahr zu uns nach Arzbach kommt und euch selbst Wind und Regen nicht aufhalten kann und wir uns glückerweise über den Weg gelaufen sind. Alles Liebe zu euch! Ausführlichr Berlinbericht folgt 😉

  5. Liebe Michaela,
    was für eine berührende Geschichte!
    Wie einfühlsam Du uns Deine Schwester nahe gebracht hast…
    Angelika

  6. LIebe Angelika, ich danke dir aus ganzem Herzen für deinen Kommentar und freue mich sehr auf das Gipfeltreffen mit dir ♥

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