Annas Leuchten

Vor ziemlich langer Zeit habe ich einmal diese Kurzgeschichte hier geschrieben. Und weil es zur Zeit ziemlich ruhig auf dem Blog ist, was daran liegt, dass ich tausend Sachen neben her schreibe und auch daran weil der Arzbacher Hof Betriebsurlaub hat und ich meine endlich genügend Zeit dafür zu finden. Irgendwie ist mir dann diese Geschichte hier vor die Füße gefallen.  Zufällig. Ich hatte sie einmal für einen Schreibwettbewerb zum Thema „Neue Heimat“ geschrieben. Der Schreibwettbewerb hat nie stattgefunden, aber die Geschichte ist noch da. Und weil es Anna so ähnlich wirklich gibt, ist das für mich gleichzeitig eine Lobeshymne an die Freundschaft und eine Laudatio für einen der lebenswertesten Menschen, den ich jemals kennen gelernt habe. Anna, du weißt wer du wirklich bist. Diese Geschichte hier ist für dich. Aus ganzem Herzen, M.

 

Als ich vor 13 Jahren mit Anna im Flieger nach Amerika saß, hatten wir die gleichen Wünsche und Träume im Gepäck. Wir kannten uns nicht, aber ich erinnere mich genau an sie, obwohl unsere Sitzplätze zwar in einer Reihe, aber nicht direkt nebeneinander lagen. Ihre großen, blauen Augen schienen auf etwas Unsichtbares an der Decke zu starren. Heute weiß ich, dass sie einfach nur intensiv nachdachte. So wie sie es immer noch tut, wenn ihr Blick so ins Leere wandert. Wir waren beide 19 und nahmen für 1 Jahr an einem Austauschprogramm teil. Es war Zufall, dass unsere Großfamilien in denselben kleinen Vorort von Boston lebten und miteinander befreundet waren. Man hätte den Eindruck gewinnen können, jemand hatte die Fäden gezogen und uns zusammen geführt. Als wäre alles arrangiert und ich werde das Gefühl nicht los, dass es immer so ist, bevor wir einen für uns bedeutsamen Mensch zum ersten Mal begegnen. Anna und ich gehörten zusammen. So wie die Blumen und die Bienen oder die Fische und das Wasser. Es war einfach richtig von Anfang an. Wie wenn man plötzlich etwas Wertvolles findet, von dem man gar nicht wusste, dass man es überhaupt gesucht hatte. Mit Anna konnte ich lachen bis uns die Luft wegblieb und im selben Augenblick mit ihr weinen, wenn sie mir von ihrer Mama erzählte und wie sehr sie ihr fehlte. Wir hätten im Auto Tage ohne zu reden nebeneinander sitzen können und es wäre uns nicht seltsam vorgekommen. Doch dafür gab es einfach zu viel das wir uns zu Erzählen hatten. Das Leben fühlte sich leicht und unbeschwert neben Anna an. Ein Gefühl, wie in der Looping-Achterbahn, ganz oben, kurz vor der Kurve zur ersten Umdrehung, nur das es eben nicht aufhörte. Anna und ich reisten viel, sahen wundervolle Orte und trafen außergewöhnliche Menschen. Wir sammelten diese Erlebnisse im Überfluss. Genauso wie Bienen den süßen Honig, als fürchteten sie sich vor mageren Zeiten. Nach einem Jahr hatten wir so viel zusammen erlebt, dass es sich anfühlte, als wäre es ein ganzes Leben gewesen.

Wir freuten uns so auf das Heimkommen, auch wenn es für bedeutete, dass wir uns nicht mehr jeden Tag sehen konnten. Der Begriff Heimat bedeutete uns das Gleiche. Für Anna war es ihr kleines Dorf in der Nähe von Hamburg und für mich meine oberbayerische Idylle im Isarwinkel. Von einem Tag auf den anderen waren wir wieder zurück zu Hause in Deutschland. Plötzlich wieder mitten drin in unserem „alten“ Leben, das jetzt an manchen Stellen eng und unbequem geworden war. Als wäre daraus ein ausgetragener Lieblingspullover geworden, von dem man sich ungern trennt, auch wenn er längst nicht mehr passte. Anna bemerkte das sofort. Sie war gerne wieder in Hamburg und doch hatte sich viel geändert. Anna hatte sich geändert. So kam das Jobangebot von einem Hotel in Schweden genau zur richtigen Zeit. Noch einmal ein Jahr, ein neues Land und die Möglichkeit zu sich selbst zu finden. Zumindest den Weg dorthin. Anna hatte keine Ahnung wie ein neues Leben aussehen sollte. Sie wusste nicht ob und was sie studieren wollte. Sollte sie von daheim ausziehen und wenn in welche Stadt? Anna stand an einer Kreuzung, die sich vor ihr in unzähligen Wegen aufteilte. Schweden erschien ihr wie eine Art Schonfrist. Der Zustand sich in einem Vakuum aus vielen verschiedenen Möglichkeiten zu befinden war angenehm. Anna musste sich nicht entscheiden, zumindest noch nicht gleich. Anna liebte Schweden vom ersten Augenblick. Sie lernte die Sprache innerhalb kürzester Zeit. Wobei ihr zur Hälfte ihr Sprachtalent und zur anderen Hälfte ihre Zielstrebigkeit immer alle ihre Vorsätze einzuhalten zu Gute kamen. Da sie im Personalhaus des Hotels wohnte, lernte sie bald Leute kennen. Die Tage verbrachte sie mit Arbeiten und die Nächte mit Tanzen. Im Sommer besuchte ich Anna für eine Woche. Sie kam mir mit ihren hellblonden Haaren und den Sommersprossen wie eine Einheimische vor. Anna redete fließend Schwedisch und für mich hörte es sich an, als wenn sie immer schon dort wohnen würde. Anna strahlte und man konnte es nicht übersehen, wie glücklich sie war. Sie leuchtete einfach vor sich hin und erinnerte mich an ein zufriedenes, kleinesGlühwürmchen, das gemütlich an einem schwedischen See in der Abendsonne umher schwebte. Es überraschte mich nicht, als Anna mich ein paar Wochen später anrief, um mir mitzuteilen, dass sie sich verliebt hatte. Glück zieht eben Kreise. „Stell dir vor, gerade eben! Das ist mir wirklich noch nie passiert!“ Anna kicherte wie ein Teenager und erzählte mir von Ville, der auch im Hotel arbeitete und mit ihr im Personalhaus wohnte. Zwischendrin entschuldigte sie sich, dass sie mitten in der Nacht bei mir anrief, aber dort in Schweden wird es einfach nicht richtig dunkel. Anna meinte, irgendwie hätte sie da ständig das Gefühl, dass es früh am Abend ist. Ich musste lachen und freute mich aus ganzem Herzen mit Anna. Da ich Anna kannte, wusste ich Ville bleibt. Bevor Anna sich in jemanden verliebt, scannt sie ihr Gegenüber in Sekundenbruchteilen. Als würde sie feine Sensoren ausfahren und damit jeden noch so versteckten Winkel ausleuchten, um hinterher eine glasklare Analyse über dessen Persönlichkeit zu erstellen. Erst wenn Anna sich absolut sicher ist und er in ihren Augen wirklich liebenswürdig ist und ihre Liebe auch auf Gegenliebe stößt, ist sie bereit ihr Herz zu öffnen. Dann allerdings mit einer solchen Kraft und Hingabe, dass es einer Naturgewalt gleicht, gegen die man keinerlei Mittel besitzt sich dagegen zu wehren. Ich glaube Ville war der erste Mann in den Anna wirklich verliebt war und bei dem es ihr nicht schwer viel,dieses Gefühl auch zu zulassen. Drei Monate später klingelte wieder das Telefon. Dieses Mal früh am Morgen. Ich sah Annas Nummer auf dem Display und schmunzelte: „Guten Morgen. Entweder du hast überhaupt kein Zeitgefühl mehr oder du hast zumindest vorrübergehend aufgehört zu schlafen.“ „Oh, tut mir leid. Ist es noch so früh? Ich brauche wirklich dringend deinen Rat“, antwortet Anna eindringlich. Aufgeregt berichtete sie mir das Ville zurück in sein Heimatdorf zog, das Dorf in dem er aufgewachsen war. Er hatte da ein Haus gekauft, welches er renovieren wollte und Anna gefragt ob sie mit ihm kommen möchte. MeineErklärung war nüchtern und einfach. Ich fand, Anna sollte warten. Nur nichts überstürzen. Rörbäcksnes lag nur zwei Stunden von Tällberg entfernt, dem Ort wo Anna und Ville wohnten. Anna könnte Ville an ihren freien Tagen jede Woche besuchen. Zusammen zu ziehen wäre ein großer Schritt, zumal Anna dafür ja sogar ihren Job im Hotel aufgeben müsste. Rörbäcksnes ist ein so abgelegener, winziger Ort, dass er nicht einmal auf einer gewöhnlichen Landkarte eingezeichnet ist. Es würde nicht gerade einfach werden dort wieder eine neue Arbeitsstelle zu finden. Anna meinte ich hätte ja Recht und obwohl ich nur mit ihr telefonierte, konnte ich sie vor mir sehen, wie sie nachdenklich nickte und ihre Augen das Telefon fixierten. Eine Woche später hat Anna ihren Job gekündigt und ist zu Ville gezogen und ab da begann Schweden Annas neue Heimat zu werden.Die Jahre vergingen und ich dachte oft an Anna. Besonders dann wenn es in Deutschland im Sommer dunkel wurde und ich wusste wie sehr ihr der Sternenhimmel fehlte oder wenn es wieder Lebkuchen in den Läden gab. Anna konnte nie genug davon bekommen und in Schweden waren Lebkuchen nirgendwo auszutreiben. Wir schafften es tatsächlich unsmindestens zweimal im Jahr zu besuchen. Wir waren ständig auf der Suche nach günstigen Flügen und nach Orten, wo wir uns treffen konnten. Einmal verbrachten wir sogar eine Nacht in einem Flughafen in London, nur um uns für ein paar Stunden zu sehen. Ich frage mich, warum ist mir nie etwas aufgefallen? Wie war das möglich, jemanden so gut zu kennen, trotz der Distanz so nahe zu stehen und nichts zu bemerken? Anna war für mich die Lebenskünstlerin, ein Mensch, der in allem und jeder Begegnung das Gute sieht. Bei dem das Leben aus einer unvergleichlichen Mischung aus Gelassenheit und konsequenter Anwesenheit echter Lebensfreude bestand. Anna ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Hatte sie sich etwas vorgenommen, erreichte sie es. Sie war ständig auf der Suche, verlor sich und entdeckte sich wieder neu. Anna war ein Phänomen. Bei Facebook konnte ich in regelmäßigen Abständen Annas buntes Leben bewundern. Anna beim Fischen, mit Ville beim Renovieren in dem neuen Haus, bei der Elchjagd, auf dem Snowmobil und auf einmal sah ich es zum ersten Mal. Annas sonst so fröhliches Lächeln schlich sich auf den Bildern langsam davon, bis es beinahe ganz verschwunden war. Ich begann in ihren Emails zwischen den Zeilen zu lesen und spürte, dass etwas nicht stimmte. Mein Herz klopfte, als wäreich gerade auf was gestoßen, von dem es mir unangenehm war es anzuschauen, aus Angst ich könnte Schlimmes dabei entdecken. Gleich am nächsten Tag rief ich Anna an. An ihrer Stimmlage erkannte ich, dass sie sich freute, dass ich anrief. Wir unterhielten uns eine Weile, bis eine kurze Pause entstand. „Anna du… ist bei dir alles in Ordnung?“ Ich hörte wie sie schluckte. Anna weinte und hörte gar nicht mehr auf zu weinen. Verzweifelt bat ich Anna mir endlich zu sagen was los sei. „Nichts Schlimmes…nichts Schlimmes, “ schluchzt esie. Eine Weile verging, ehe sich Anna wieder beruhigte. „Ich habe nur …ich habe…solches Heimweh!“ sagte Anna mit tränenerstickter Stimme. Am liebsten hätte ich laut losgelacht, so erleichtert war ich. Heimweh. Ich redete Anna gut zu. Ich war fest davon überzeugt, dass es sich um einen vorübergehenden Zustand handelte, der sich bald in Luft auflösen würde. Ein Problem, dass man anpacken konnte. Zu dieser Zeit hatte ich allerdings noch nicht die geringste Ahnung was es bedeutet wirklich Heimweh zu haben.

In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Tausend Gedanken stiegen in mir auf. Ich dachte an Anna und an die Nacht die in der wir beide unter freiem Himmel in Monument Valley verbracht hatten. Nach unserem Jahr in Amerika reisten wir noch einen Monat durch die USA. Am Ende unserer Reise hatten wir nicht mehr viel Geld übrig. Deshalb beschlossen wir spontan die Nacht im Freien zu verbringen. Manchmal passiert es, dass dir das Leben völlig unerwartet ein Geschenk direkt vor deine Füße legt. Ein paar Stunden oder Augenblicke in denen deine Seele ganz frei ist. Momente die aus reiner Liebe bestehen und einer schlichten, nackten Schönheit, die dich überwältigt. Von denen du später sagen wirst, dass du sie nicht erklären kannst, weil dir ganz einfach die Worte fehlen, um sie nur annähernd zu beschreiben.Wir saßen irgendwo in der Mojave Wüste, umringt von nichts und doch so viel und befanden uns gerade mittendrin in einem dieser Augenblicke. Anna blinzelte in die Sonne und sah zu wie sie hinter den gigantischen, roten Steinen verschwand. Es kam am ehesten einem klassischen, besonders kitschigen Wild-West-Film nahe, wäre es nicht so schön gewesen. Ich erinnere mich an das Buch „Traumfänger“ von Marlo Morgan und daran, dass die Aborigines darin telepathisch miteinander kommuniziert hatten. Vielleicht steht uns Menschen in der Natur der Zugang dafür offener als sonst in unserer lauten Welt. Ich bin mir sicher, ich konnte spüren was Anna fühlte. Maren war hier, genau in diesem heiligen Moment. Wir legten uns schweigend nebeneinander in unsere Schlafsäcke und alles um uns herum war absolut still. Eine Stille wie ich sie nie mehr wieder vernommen hatte und die mich auf eine sanfte Weise tief berührte. Ich nahm unseren Atem wahr und bemerkte, wie ich ein paar Mal längere Zeit die Luft anhielt, als ob ich den Augenblick nicht erschrecken wollte, so zart und kostbar erschien er mir. Wie lange wir dort gelegen hatten, kann ich nicht mehr sagen, es kam mir ewig vor. Dann begann Anna von Maren, ihrer Mama zu erzählen und ich hörte ihr zu…

Ich kam an einem Freitag im Juni zur Welt und war das erste Kind von Pit und Maren. Maren hatte den schüchternen Pit während der Schulzeit kennengelernt. Irgendwann hat Pit all seinen Mut zusammen genommen und Maren gefragt, ob sie mit ihm zum Tanzen gehen möchte. Maren hat ja gesagt und seitdem waren sie ein Paar gewesen. Ihr Leben war einfach, wenig spektakulär, doch sie waren glücklich und es war klar, dass es Liebe war. Eineinhalb Jahre nach mir kam Marie zur Welt. Wir waren seitdem Tag ein Herz und eine Seele. Oft wurden wir für Zwillinge gehalten und ich kann mich nicht daran erinnern, mit Marie je ernsthaft gestritten zu haben. Unser Nesthäkchen Tim, wurde fünf Jahre später geboren. Zur Freude meines Vaters stellte er sich schon früh als Nachfolger für den Hof heraus. Es war ein unbeschwertes, freies Leben bis sich von heute auf morgen ein großer Schatten über unsere Familie legte. Das war als bei Mama Krebs festgestellt wurde .Nach dem ersten Schock versuchten alle so gut es ging zusammen zu halten und keiner hatte auch nur einen Gedanken daran verloren, dass Mama es vielleicht nicht schaffen könnte. Es folgte der übliche Prozess mit Chemotherapie und Bestrahlungen. Die Therapie schlug an und es schien als wurde alles wieder gut werden. Doch dann kam der Krebs wieder. Mit einer Hartnäckigkeit und Unausweichlichkeit, dem wir hilflos gegenüber standen. Papa fing an die Augen zu verschließen. Als ob er dem Schicksal aus dem Weg gehen konnte, wenn er sich weigerte es anzuschauen. Papa hatte keine Ahnung wie er mit uns Kinderndarüber reden sollte. Er wusste wie wichtig es gewesen wäre, aber er fand einfach nicht die richtigen Worte. Statt dessen hoffte er auf ein Wunder, obwohl Mama von Tag zu Tag schwächer wurde. Er klammerte sich an jeden noch so kleinen Funken Hoffnung, auch wenn es ihn längst schon nicht mehr gab. Papa versuchte Mama festzuhalten. Er wollte sie retten und er glaubte felsenfest daran. Als Mama starb, war es als sei es völlig unerwartet geschehen. Ein Gewittersturm aus heiterem Himmel auf den keiner richtig vorbereitet war. Die Trauer brach über uns herein und riss uns schonungslos mit sich in einen Sog, der aus Verzweiflung und Angst bestand. Jeder versuchte auf seine eigene Art und Weise wieder aufzustehen und ohne Mama weiterzugehen. Papa stürzte sich in Arbeit, um sein Schweigen auf eine Weise zu rechtfertigen und um den Schmerz nicht spüren zu müssen, der zu Hause bei seiner Familie am stärksten war. Er versuchte da zu sein und seine Kinder festzuhalten, doch er konnte nicht über Mamas Tod reden. Bis heute nicht. Wir suchten unseren Weg um damit umzugehen und um den Verlust zu verarbeiten. Marie und ich klammerten uns aneinander, um nicht an der Trauer zu zerbrechen und da war noch Tim der mit seinen 4 Jahren gerade alt genug war zu erspüren was passiert ist, aber es nicht begreifen konnte. Wir bekamen viel Beistand und Hilfe von Freunden, Verwandten und Nachbarn. Der Hof musste bewirtschaftet werden. Es musste geputzt, gekocht und für uns Kinder gesorgt werden. Irgendwie schafften wir es durch die schwere Zeit. Nicht ohne Wunden davon zu tragen und nicht ohne Mama immer noch jeden Tag zu vermissen. In der traurigsten Zeit hatte ich ein paar Stunden mit Mama allein geschenkt bekommen. Kostbare Stunden die ich für immer in mir trage werde und hüte wie einen Schatz. Statt zur Schule bin ich damals zu Mama ins Krankenhaus gegangen. Als ich die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, saß Mama am Fenster. Das Licht schimmerte durch ihre offenen Haare und obwohl sie so dünn geworden war, sah sie unglaublich gut und jung aus. „Mensch Anna“, hatte Mama nur geflüstert und mich dann einfach in den Arm genommen. Wir weinten und hielten uns eine Weile im Arm. „Musst du sterben, Mama?“habe ich sie dann gefragt. „Ja“, antwortete Mama ruhig. „Und ich weiß wie ungerecht du das findest. Ich weiß nicht was mit mir passieren wird und ich habe Angst. Nicht vor dem was danach kommt, sondern vor dem Sterben. Es fällt mir so schwer, dieses Leben mit euch und mit dir Anna, zu verlassen. Einfach weil ich euch so sehr liebe.“ Es war seltsam, aber jetzt wo man das was man am meisten gefürchtet hat, ausgesprochen hatte, wurde die Angst kleiner und stand nicht mehr so übermächtig im Raum. „Mama, ich habe viel gelesen und wenn es wahr ist, dass man nach dem Tod weiterlebt und das alles hier nur so was wie ein Übergang ist, dann musst du mir versprechen, dass du mir ein Zeichen schickst. Damit ich weiß, dass du da bist.“ Mama nickte und hielt mich noch fester. Lange saßen wir da am Fenster, ohne ein Wort zu sprechen. Eng umschlungen und dankbar, sich noch einmal so innig begegnen zu dürfen. Ich inhalierte Mamas Duft, spürte ihre Wärme und versuchte so viel es ging davon einzuatmen. „Auf Wiedersehen, Mama“ habe ich zum Abschied gesagt und sie auf die Wange geküsst.Ich habe irgendwie geahnt, dass es tatsächlich das letzte Mal war, das ich Mama so lebendig erlebt habe. Drei Wochen später war Mama gestorben und es gab nichts, dass sie aufhalten hätte können, auch nicht unsere Liebe zueinander.

Die Sekunde in der man einen Menschen erkennt, die Kraft und das Potential das in ihm liegt, beginnt man ihn zu lieben. Wenn man liebt, sieht man die Schönheit die in jedem Einzelnen verborgen liegt und wie ein helles Licht leuchtet.Annas Licht habe ich immer gesehen, aber am hellsten in jener Nacht in Monument Valley. Ich wollte alles dafür tun, es zu beschützen und nach außen zu tragen, damit die ganze Welt es sehen konnte, um sich an Annas Glanz zu erfreuen. Anna so traurig zu sehen, tat mir weh. Für Anna bestand ihr Heimweh nicht nur aus der Tatsache, dass sie ihre Familie aus Deutschland gerne um sich gehabt hätte oder ihr Hamburg fehlte, es war viel mehr die Tatsache, dass sie sich in Rörbäcksnes eingesperrt fühlte wie in einem Käfig. Für Ville war es der Ort an dem er geboren wurde und an dem er auch alt werden wollte. Er konnte sich nicht vorstellen sich irgendwo anders so zufrieden zu fühlen als dort. Es lag wie eine schwere Last auf seinen Schultern, dass Anna genau deswegen oft so betrübt war. Einmal, als dasGefühl so stark wurde, dass es Anna jede Lebensfreude nahm und es sich anfühlte als ersticke man daran, packte Anna ihre Sachen. Sie kündigte ihren Job und zog in eine kleine Hütte in die nächste größere Stadt nach Schweden. Sie hatte solche Sehnsucht danach sich einen eigenen Freundeskreis aufzubauen, einen Job zu finden, der zu ihr passte und um wieder die Möglichkeiten zu haben, ein Leben zu führen, wie sie es sich vorstellte. Doch Anna hielt es ohne Ville dort keinen Monat aus. Spätestens jetzt war klar, Anna wollte nicht ohne Ville sein und Ville nicht ohne Anna. Eine lange Zeit kämpfte Anna gegen das Gefühl an. Sie versuchte Ville dazu zu bewegen, es zumindest doch einmal zu versuchen mit ihr aus Rörbäcksnes wegzuziehen. Doch Anna wusste, mit Ville war das wie mit einer alten Eiche, die ihre Vitalität verliert sobald man sie einmal umgepflanzt hatte. Es gab für sie nur die Möglichkeit, ihr Schicksal anzunehmen. Es war paradox, Anna hatte in Ville die große Liebe gefunden und war gleichzeitig so unglücklich über die Situation in Rörbäcksnes. Dort lebte Villes Familie, seine Freunde, die er schon aus seiner Schulzeit her kannte. Auch wenn Anna ein Teil davon geworden war, so kam es ihr vor, als wenn es eben nur Villes Freunde, Villes Familie war. Das zu akzeptieren fiel Anna schwer und sie haderte mit sich. Aber es hatte auch keiner gesagt, dass es einfach sein würde. Anna hatte solche Angst in Rörbäcksnes zu bleiben und irgendwann ganz dort gefangen zu sein. Ihre Gedanken kreisten ausschließlich darum welche Alternativen es gab. Umso mehr sie grübelte, um so unwahrscheinlicher erschien es Anna hier glücklich zu werden. Sie wusste nur zu gut, wie kurz das Leben sein kann und versuchte jeden Moment auskosten, nicht zuletzt wegen Maren. Ihr zu Ehren wollte sie das Beste aus ihrem Leben machen und Rörbäcksnes war für Anna einfach nicht der richtige Ort dafür, da war sie sich sicher. Die Zeit zerrann zwischen ihren Fingern, sie sehnte sich nach ihren Freunden, ihrer Familie zu Hause, doch wäre sie dort gewesen hätte ihr Ville am allermeisten gefehlt. Anna lernte geduldig zu sein und zu vertrauen. Langsam baute sie sich ein Leben auf, unabhängig von Ville, das immer besser zu ihr passte. Sie machte sich selbstständig mit ihrem eigenen kleinen Fotostudio. Anna bekam bald so viele Aufträge dass sie davon leben konnten. Nie im Traum hätte sie früher in Hamburg daran gedacht, dass sie tatsächlich einmal ihr eigenes Fotostudio besitzen wird. Anna und Ville bekamen Kinder. Zwei bezaubernde Kinder, wie aus einem Astrid Lindgren Film entsprungen, Lias und Marlen. Da war Anna bereit. Bereit sich fallen zu lassen und ganz und gar Villes Frau zu werden. Es fühlte sie nicht mehr so an, als bliebe sie wegen Ville in Rörbäcksnes. Sie blieb weil sie aus ganzem Herzen liebte. Weil sie diese Entscheidung längst schon getroffen hatte und ihr das Leben deswegen einfach gefolgt ist. Solange bis es sie eingeholte hatte und bei Anna angekommen war. An Annas und Villes Hochzeit regnete es. Die kleine Hochzeitsgesellschaft versammelte sich eher als geplant in der Kapelle. Dicke Regentropfen klopften von außen an die Fenster und aufgespannte Regenschirme türmten sich vor dem Eingang. Die Kirche war mit bunten Blumen geschmückt, es duftete nach Rosen und viele weiße Kerzen erleuchteten den Raum. Ein Klavierspieler und eine Cellistin begannen zu spielen. Die Kirchenflügel öffneten sich und Pits Augen füllten sich mit Tränen als er seine Tochter zum Altar führte, um dort ihre Hand in Villes zu legen. Jede Braut hat ihren Zauber, ihren ganz besonderen Glanz. Doch Annas Glanz war nicht gewöhnlich. Anna strahlte von innen heraus. Klares, helles Licht, wie aus einer sprudelnden Quelle. Anna leuchtete wieder, so anmutig und leicht wie damals, als sie nach Schweden zog und glaubte es wäre nur für ein Jahr.

Beitragsbild Nena Lüdemann


6 thoughts on “Annas Leuchten

  1. So schön geschrieben… und in der Natur unter freiem Sternenhimmel zu liegen ist traumhaft. Es hinteräßt einen gewaltgen Eindruck. Nun waren wir beide schon an zwei gleichen Punkten in den USA…

  2. Liebe Christine, ich glaube in den USA Waren wir schon auf vielen Plätzen gemeinsam, nur zu unterschiedlichen Zeiten 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.