Der bayrische Patriot und sein Engel – Gipfeltreffen am Heigelkopf in Wackersberg

Das letzte Gipfeltreffen liegt schon wieder fast zwei Monate zurück und ich weiß nicht warum, aber es ist wie bei einem guten Wein, der erst eine Weile in sich ruhen muss, um in seine wahre Kraft zu kommen. Es ist seltsam, aber dort oben in den Bergen geschieht immer etwas, was ich nur schwer in Worte fassen kann. Für das Gipfeltreffen suche ich Menschen für euch aus, in denen ich etwas ganz besonderes sehe. Auch wenn im Grunde wirklich jeder einzelne genau das ist. Etwas ganz besonderes auf seine ganz eigene Art und Weise. Nur manches Mal spüre ich, da ist eine Geschichte hinter dieser Person, etwas das unbedingt erzählt werden muss. Damit diese Geschichte bleibt und nicht irgendwann verloren geht, so wie buntes Laub im Herbst, das durch die Wälder getragen wird und sich an einer unscheinbaren Ecke wieder zu Erde zurück verwandelt. Ich wünsche mir die Sonne möge in ihren hellsten und wärmsten Strahlen auf die bunten Blätter scheinen und sie zum Leuchten bringen, dass jeder der zufällig vorüber geht, fasziniert ist und staunt wie schön und vielfältig doch diese Welt ist. Vielleicht ist dann auch der ein oder andere von euch dabei, der für einen Moment stehen bleibt und eines dieser Blätter aufhebt, um es zu sich nach Hause mit zu nehmen. Vielleicht legst du es  in ein Buch, damit es ganz glatt wird  und lange hält und vielleicht erinnerst du dich dann zufällig an jenen magischen Moment im Wald, als du es gefunden hast.

Heute darf ich euch von zwei ganz unterschiedlichen und doch gleichen, farbenprächtigen und einzigartigen Geschichten erzählen, die am Ende zusammen doch auch wieder eine Geschichte sind. Es ist Ende Mai, als wir uns zu viert auf den Weg machen. Jochen, Carola, Hündin Emma und ich. Der Aufstieg zum Heigelkopf in Wackersberg führt über den Wanderparkplatz an der Waldherr Alm. Gemütlich spazieren wir den Fahrweg unterhalb der Alm entlang, bevor es vor der kleinen Brücke rechts Richtung Heigelkopf weiter geht. Ich kann mich tatsächlich an das allererste Gespräch mit Jochen erinnern. Das war, als er von ungefähr 7 Jahren einen Stellplatz bei uns auf dem Alpencampingplatz reserviert hatte und sich ausgiebig über den Campingplatz und seine Umgebung informierte. Das Gespräch war so freundlich und amüsant, dass es sich bei mir auf eine positive Art und Weise verankert hatte. Das war dann auch der Sommer indem sich Carola und Jochen auf dem Alpencampingplatz verlobt haben und Carolas unfassbar zauberhafte Gitarrenstimme noch wochenlang nach ihrem Urlaub in der Luft lag.

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Wo habt ihr euch denn eigentlich kennen gelernt?

(Jochen)Bei Schwofen in der Nähe von Straubing.

Schwofen?

Ja auf einer Techno-Party und schwofen ist so was wie …Tanzen. (Aha) Ich lebte ja damals in München und war mit einem Freund in Straubing. Carola ist mir gleich  aufgefallen und dann kam alles einfach so und wir hatten eine gute Zeit zusammen. Dann waren wir aber beide viel zu stolz um den anderen nach der Telefonnummer zu fragen und haben uns dann an diesen Abend tatsächlich noch aus den Augen verloren.

Wie habt ihr euch denn dann wieder gefunden?

Ich hatte bei den Lokalisten alle Carolas aus Straubing angeschrieben. Ich wusste ja nur ihren Namen und…

Carola: (lacht) …du hast die Carola aus Straubing mit dem geilen A….gesucht.

Und wieder gefunden.

Wie ging es dann mit euch weiter?

Wir haben uns in München in einem Cafe verabredet.

Ich kann mich erinnern…als du damals vor dem Cafe gestanden bist mit deinem langen Mantel. Wir waren beiden tatsächlich etwas schüchtern und total aufgeregt, dann bist du irgendwann aufgestanden, um zur Toilette zu gehen und hast mir kurz über den Kopf gestreichelt und gesagt: „Bis gleich dann.“ Das Eis war gebrochen und für mich das mit uns klar. Und ab diesem Tag waren wir zusammen.

Wir gehen aus dem kleinen Waldstück heraus, von wo an die Steigung langsam zu nimmt. Die Sonne brennt vom Himmel, an diesen ersten heißen, frühsommerlichen Tagen. Carolas und Jochens Hund Emma springt übermutig voran und zieht uns hinterher.

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Ihr beide seid doch so unterschiedlich und dann doch irgendwie auch so gleich. Zumindest nehme ich das so wahr. Wie seht ihr das denn?

 Ja, das stimmt schon. Was ich an Carola so schätze ist ihre bodenständige Art, mit der sie mich immer wieder dazu bringt auf dem Teppich zu bleiben, wenn ich dazu neige abzuheben. Oder auch wenn es darum geht, Dinge einfach mal ganz konservativ anzugehen und durch zu ziehen.

Und ich schätze genau das Gegenteil an dir. Deine  Weltoffenheit zum Beispiel, die sicher auch von deiner „bewegten“ Vergangenheit kommt.

Da muss ich natürlich nachhacken. Bewegte Vergangenheit?

Wie Jochen dann seinen Lebenslauf in Stichpunkten erzählt, staune ich nicht schlecht was doch alles tatsächlich in so ein junges Leben passt.

Als ich Carola traf, war das wie ein Segen. In gewisser Weise war sie wie ein Engel für mich. In erster Linie weil sie so ist, wie sie ist, aber auch, weil ich durch sie zum ersten Mal kennen lernen durfte, was es bedeutet, wenn man aus einer intakten Familie kommt. Bei mir war das nicht der Fall.

Willst du erzählen was passiert ist?

So vieles. Das glaube ich würde hier auch den Rahmen sprengen. Für mich war damals die Schmerzgrenze erreicht, als meine Mama meinen geliebten Papa damals verlassen hatte. Sie hatte sicher ihre berechtigten Gründe, aber das habe ich als Kind natürlich nicht verstanden. Die Situation zu Hause geriet dermaßen aus dem Ruder und als ich sechs Jahre alt war, habe ich mich entschieden lieber in einem Kinderheim zu leben als zu Hause. Meine beiden Geschwister sind bei meiner Mutter geblieben.

Puh, das ist aber eine wirklich taffe Entscheidung für einen Sechsjährigen.

Das stimmt. Aber im Nachhinein war es auch das Beste, was ich damals hätte machen können. In dem Kinderheim, das Caniushaus in Schwäbisch Gmund in dem ich war, bin ich sehr gut aufgehoben gewesen. Besonders Schwester Thadäa von den Franziskanerinnen hat sich rührend um mich gekümmert und ist ein so wertvoller Mensch für mich gewesen und ist es immer noch. Wegen ihr bin ich eigentlich auch erst Bayern Fan geworden.  (Jochen ist aktiver und leidenschaftlicher FC Bayern Fan)

Wie ist denn heute dein Verhältnis zu deiner Familie?

Zu meiner Schwester hatte ich immer schon eine sehr tiefe Verbindung. Mit meinen Eltern habe ich im Augenblick keinen regelmäßigen Kontakt. Auch wenn ich nicht vergessen kann was passiert ist und es mir auch schwer fällt zu verzeihen, bin ich mit mir und meiner Geschichte im Reinen.

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Wir erreichen die obere Hälfte des Steilstücks und drehen uns einmal kurz um, um die Berge um uns herum zu benennen. Von hier aus hat man auch einen ziemlich guten Blick auf die Benediktenwand und Jochen erzählt, dass vor ziemlich langer Zeit die erste große Bergtour die er jemals gemacht hatte, auf die Benediktenwand ging. Er ist mit einem Freund aus England unterwegs gewesen und hat zu der Zeit als starker Raucher fast die doppelte Stundenanzahl gebraucht, wie die Tour ausgeschrieben ist. Münchner Hausberge Teil1 Aber er ist angekommen und das ist alles was zählt. Das Felsmassiv der Wand hat er sich auf den Oberarm tätowieren lassen. Wie all die anderen Dinge auch die ihm unter die Haut gehen. Jedes seiner Tattoos erzählt eine Geschichte und es sind viele, viele Geschichten.

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Ich vermute einmal deine bewegte Zeit geht weiter?

Carola schmunzelt und Jochen erzählt: Ich machte auch eine ganz solide Ausbildung als Maler und Zimmerer und noch ganz andere „seriöse“ Jobs.  Doch weil ich ja auch viel in der Techno-Szene unterwegs war, traf ich irgendwann auf einen in den 90ger Jahren ziemlich bekannten DJ aus Chicago. Er hatte mich gefragt, ob ich ihn als Tour Manager begleite würde. Eine riesengroße Sache für mich. Ich war anfangs zwanzig, hatte ein erfahrungsreiches Leben und sogar bereits eine kräftezerrende Scheidung hinter mir. Und zu diesem Zeitpunkt wollte ich einfach nur noch weg. Da kam dieses Angebot sehr gelegen. Ich bin dann mit ihm zusammen insgesamt 2,5 Jahre um die Welt getourt.

2,5 unglaubliche Jahre…was würdest du sagen hat dich da am meisten geprägt?

Es war eine ganz intensive und unglaubliche Zeit, die ich so auch nicht missen möchte. Am Schluss war ich aber so  ausgebrannt, dass ich in dem Hotel aufgewacht bin, in dem wir die letzte Nacht verbrachten und tatsächlich keine Ahnung mehr hatte in welchem Land wir uns derzeit überhaupt befanden. Weil es ist schon so, wenn du auf Tour bist: da wirst du am Flughafen abgeholt, ins Hotel gebracht, dann folgt für ein paar Stunden diese Show in der du der Allergrößte bist (auch wenn ich nur der Mann im Hintergrund war) und hinterher bist du wieder ganz alleine in deinem Hotelzimmer. Nach zwei Jahren war das einfach genug.

Wir biegen nach rechts ab. Es wären noch wenige Minuten zum Gipfel. Aber wir beschließen, hauptsächlich wegen Emma, die Bergtouren einfach noch gar nicht gewöhnt ist, ein paar Meter abseits vom Weg im Gras Platz zu nehmen. Und irgendwie passt es ganz gut, weil ich glaube, es ist manches Mal gar nicht so wichtig ganz oben anzukommen, sondern da, wo es sich richtig anfühlt. Ich mache meinen Rucksack auf und nehme unsere Brotzeit raus und ein paar Flaschen Hacker Pschorr Kellerbier. Jochens Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Doch passt definitiv nicht in ein einziges Gipfeltreffen. Und immer wieder ist da etwas, dass ich noch gar nicht über ihn gewusst hatte und das mich wirklich staunen lässt. Was passt nur alles in ein einziges Leben?  Jochen arbeitet in der Zeit als er Carola kennen lernte bei den „blauen Engeln“. Ein Unternehmen das Panzer repariert, wartet und unter Umständen auch mal bergen muss. Jochen war für die Firma in Kriegsgebieten wie z.B. in Afghanistan unterwegs. Bis Carola sehr bald sagte, dass sie das nicht mehr  kann. Diese Angst. Die ständige Ungewissheit. Die Sorge um ihn. Und Jochen verliess die blauen Engel. Und irgendwie war Carola, dann auch sein Engel.

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Carola und Jochen arbeiten mittlerweile beide dort, wo Carola schon seit ihrer Ausbildung zu Erzieherin tätig ist. Es geht um die Integration behinderter Erwachsener in das Berufsleben. Jochen ist in seiner Abteilung bei Menschen mit leichter Behinderung tätig und Carola arbeitet mit Schwerstbehinderten zusammen.

Carola du bist im Gegenzug zu Jochen ja sehr geborgen und behütet aufgewachsen…

Ja, meine Kindheit war wirklich das absolute Gegenteil. Ich bin ohne Geschwister ausgewachsen und habe zu meinen Eltern auch heute noch eine sehr innige Beziehung. Viele Sachen die bei Jochen so vorgefallen waren, waren mir neu und auch völlig fremd. Aber ich glaube auch gerade deswegen liegt darin auch eine große Chance. Die Dinge so zu sehen, wie sie auch laufen können und vom Guten auszugehen, anstelle  ohne jegliches Vertrauen. Das Leben ist auf unserer Seite.

Musik hat in deiner Familie ja immer schon eine sehr große Rolle gespielt und zusammen mit deinem Papa spielt ihr ja auch zusammen in der Nachtmusik. Ich vermute mal, du hast immer schon Musik gemacht…

Ja, das stimmt. Meine Mama war ja auch schon immer Musikerin, mein Papa sowieso. Ich hatte in der Grundschule das Glück von einem sehr guten Musiklehrer unterrichtet worden zu sein. Was meiner Meinung nach immer viel ausmacht, um die Begeisterung für die Musik aufrecht zu erhalten. Mein großes Ziel war früher immer, dass ich die Lieder die mir viel bedeuten irgendwann nach spielen kann. Und heute kamen und kommen sogar noch viele eigene Lieder dazu.

Du hast mir mal erzählt, dass du bei deiner Arbeit mit Schwerstbehinderten die Scheu vor Publikum zu spielen ganz verloren hast. Wie kam das?

Wir arbeiten unter anderem auch mit Musiktherapeuten  zusammen und einmal in der Woche spiele ich vor meiner Gruppe, was eine unglaubliche positive und beruhigende Wirkung auf alle hat. Durch genau dieses regelmäßige Spielen ist man es irgendwann gewohnt vor Publikum zu spielen. Es macht dann keinen großen  Unterschied mehr, ob es 10 oder 300 Menschen sind.

Ich persönlich könnte Carola stundenlang zuhören, weil ich ihre Musik einfach so gerne mag und vermisse die ganz besondere, einzigartige Stimmung die sich über den Alpencampingplatz wie eine große, weiße Friedenswolke ausbreitet, wenn Carola da ist, singt und Gitarre spielt. In der Adventszeit geht die Nachtmusik mit Christine Neubauer auf Weihnachtstour. Christine Neubauer liest weihnachtliche Geschichten und wird von der Nachtmusik musikalischer umrahmt. Die Tour startet am Donnerstag den 08.Dezember im Waitzinger Keller in Miesbach. Absolut lohnenswert, da bin ich mir sicher.

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Und wenn du dieses Gipfeltreffen bis zu Ende gelesen hast, dass dieses Mal besonders lange geworden ist,  dann freue ich mich. Dann freue ich mich sogar sehr und aus ganzem Herzen. Und ich freue mich auch darüber, dass der Zufall damals Carolas Eltern zu uns auf den Alpencampingplatz geführt hat. Denn genau genommen, waren die beiden schon vor vielen, vielen Jahren bei uns und so ist jetzt auch Carola und Jochen hier angekommen. Ihre Geschichte berührt mich zutiefst und ich bin froh, dass jetzt ein kleiner Teil davon aufgeschreiben ist, damit sie für immer bleibt und nie wieder verloren geht. Denn sie ist es wert. Sie ist es mehr als das. Danke Carola und Jochen aus ganzem Herzen.

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Mehr Info’s über die Nachtmusik unter http://nachtmusik.eu/

Des ganze Lebn vostraht

Kaffa/ Kaffa

Ned gred

Info’s zur Tour zum Heigelkopf u.a. unter almenrausch.at


11 thoughts on “Der bayrische Patriot und sein Engel – Gipfeltreffen am Heigelkopf in Wackersberg

  1. Wow! Eine Geschichte die berührt und von der ich gerne mehr lesen würde… Vielen lieben Dank für’s erzählen und uns teilhaben lassen ❤ Vielleicht haben wir ja das große Glück und sind mal zeitgleich bei Euch auf dem Alpen-Campingplatz 😄

    Bis ganz bald und herzliche Grüße von der Leine, Heidi

  2. Liebe Heidi, glaube mir, es ist nur ein Teil der Geschichte. Die ganze ist tatsächlich so bunt und facettenreich, dass sie ein ganzes Buch füllen könnte 😉 Ich danke dir sehr für deinen Kommentar und freue mich schon jetzt auf euch Ende August. Gruß zurück aus dem Isarwinkel ♥

  3. Das Gipfeltreffen gefällt mir sehr gut, besonders dieses hier! Ich würde auch gerne mehr davon lesen und bedanke mich für’s Teilen.
    Hanni

  4. Sehr interessanter Bericht und auch den Heigelkopf können wir als Hausberg nur empfehlen. Mia frein uns auf das nächste Gipfeltreffen!

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