Ein Herz das  kann man nicht verbrennen – Schwester Jutta im Arzbacher Hof

Letzte Woche konntet ihr im aus-ganzem-Herzen-Blog das erste Gipfeltreffen nach lesen, diese Woche stelle ich euch den ersten Herzensmenschen  im Arzbacher Hof vor. Am allerliebsten hätte ich sie auch zu einem Gipfeltreffen eingeladen, aber dafür hatte uns leider die Zeit gefehlt. Seit vielen Jahren kommt sie in regelmäßigen Abständen zu uns in den Arzbacher Hof, nämlich immer dann wenn sie das Ferienhaus der Solanusschwester in Lenggries besucht. Wenn sie mit strahlenden Lächeln und ihren leuchtenden Augen den Raum betritt, ist es genauso wie wenn die Sonne aufgeht. Sie begrüßt uns freundlich, macht ein paar kleine Witze-wir sind uns wie immer kollektiv einig:  Wie schön, daß du wieder hier bist Schwester Jutta. Ihr geht es auch so, betont Schwester Jutta und vor einiger Zeit hat sie uns allen eine Halskette mit einem gesegneten Tau-Kreuz als Talisman geschenkt, die wir seitdem alle hüten wie einen kleinen Schatz von einem ganz besonderen Menschen. Das letzte Mal war Schwester Jutta im Herbst bei uns und ich habe ganz schnell alles stehen und liegen lassen und ihr zwischen Sonntagmittagsbetrieb, Bierbratel und Radler ein paar Fragen gestellt. Ich habe mich so gefreut, daß sie da war und obendrein meine Fragen auch noch gerne beantworten wollte und irgendwie haben wir es geschafft in der kurzen Zeit, Schwester Juttas Leben in Umrissen aufzuschreiben, wenn da auch noch sicher viel Platz für die Details wäre. Ich bitte euch aus ganzem Herzen, zwischen den Zeilen zu lesen und besonders mit offenen Herzen. Schau genauer hin, dann kannst du so wie auf dem Titelbild in ihren verschmitzten Augen ihren herzerfrischenden Humor und den unglaublich liebenswürdigen Menschen der sie zweifelsohne ist, erkennen. Schwester Jutta kommt meistens in Begleitung von einer Mitschwester oder so wie heute von Walter. Darum meine erste Frage…

Liebe Schwester Jutta, ich freue mich so, daß du und Walter wieder hier seit. Kannst du mir kurz erzählen, woher ihr euch überhaupt kennt?

Walter ist ein guter, langjähriger Freund von uns Solanusschwestern. Er und seine Frau Elsa, hatten vor sehr langer Zeit einmal in Landshut in unserem Mutterhaus vorgesprochen, sie würden gerne etwas mit den Schwestern unternehmen, wie eine Bergtour zum Beispiel und auch gerne da helfen, wo einmal Not am Mann ist. Zugegeben eine eher ungewöhnliche Art der Freundschaftsanfrage. Also ich habe mir im ersten Moment gedacht, mit denen stimmt doch was nicht. (Schwester Jutta lacht laut und zwinkert zu Walter rüber) Aber ich muß sagen die Freundschaft hat sich bewährt und ist heute nicht mehr wegzudenken. Walters Frau Elsa ist vor ein paar Jahren leider verstorben, doch die Verbindung zu uns Schwestern blieb trotzdem und Gottseidank weiterhin bestehen.

So, vorweg gleich die wichtigste Frage…

Warum ich ins Kloster gegangen bin?

Genau. Warum bist du ins Kloster gegangen Schwester Jutta?

Für mich war es eine Berufung, an der ich bis heute nicht gezweifelt habe.

Ab wann hattest du zum ersten Mal den Wunsch verspürt ins Kloster gehen zu wollen und warum wurde es letztendlich dann der Orden der Solanusschwestern in Landshut?

Ich hatte damals eine Hauswirtschaftslehre bei den Solanusschwester begonnen und merkte ziemlich schnell, das wäre alles auch was für mich. Nach der Ausbildung habe ich noch ein weiteres Jahr als Angestellte im Haus gearbeitet, bevor ich mich entgültig dazu entschloss dem Orden beizutreten. Es dauert relativ lange bis man sein Gelübe ablegt und damit offiziell Solanusschwester ist. Als erstes hat man eine Art Probezeit, die Kandidatur, das Postulat, anschließend das Noviziat, das zwei Jahre dauert, Profess auf1 Jahr, dann auf 3 Jahre und als allerletztes folgt dann die „Ewige Profess“ die Profess auf Lebenszeit.

Da hast du dann dein Gelübde abgelegt?

Ja, das Gelübde auf Gehorsam, Armut und Ehelosigkeit und wir Schwestern leben in Gemeinschaft.

solanusschwestern

Ich habe es nicht gefragt, aber es mir im Nachhinein gedacht. Es war bestimmt auch nicht einfach für die Familie von Schwester Jutta, ihre Tochter das Reserl, so hieß Schwester Jutta nämlich früher, ziehen zu lassen. Für uns hinterlässt der Gedanke an das Ablegen eines solchen Gelübdes oft ein „einengendes“ Gefühl. Man verzichtet unter Umständen auch darauf einen Teil von einem selbst zu leben und nicht jeder ist sicherlich dafür geeignet. Aber ist es doch nicht auch so, daß wir das mit jeder Entscheidung die wir im Leben treffen nicht auch selbst ein Stück weit tun? Entscheide ich mich dafür zum Beispiel Kinder zu bekommen, übernehme ich Verantwortung und stelle zumindest vorrübergehend die eigene Freiheit und Selbstverwirklichung hinten an. Wähle ich einen bestimmten Beruf, schließe ich einen anderen aus…usw. Im Grunde ist also jede Entscheidung für oder gegen etwas, es kommt immer auf die Perspektive an aus der wir es betrachten. Schwester Jutta hat sich aus ganzem Herzen für ihren Glauben und ihr Leben als Nonne entschieden.

Die Kirche wird zur Zeit öffentlich oft scharf kritisiert. Was sagst du dazu, wo du doch so sehr mit dem katholischen Glauben verbunden bist?

Natürlich wenn etwas schief läuft, kann das keiner für gut heißen. Aber das tue ich grundsätzlich nicht, egal ob es in der Kirche oder außerhalb geschieht. Unrecht bleibt Unrecht. Wir organisieren im Orden oft Zusammenkünfte mit Jugendlichen in denen auch viel diskutiert und besprochen wird. So hat mir kürzlich erst ein junger Mensch genau die gleiche Frage gestellt wie du jetzt. Er hat auch kritisiert, daß die Kirche sich zu wenig für die Belange von Bedürftigen einsetzen würde. Und ich habe geantwortet indem ich ihn gefragt habe, was tust du, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen? Weil darauf kommt es an, was jeder einzelne beiträgt, ob er seinen Glauben lebt und Liebe weitergibt und nicht darauf was die Kirche macht. Die Kirche besteht auch nur aus Menschen.  Der Orden versucht immer nach dem Grundsatz unseres Gründers Pater Jakob Schauermann (1880-1957) zu handeln und auf die Zeichen der Zeit zu achten.

Was bedeutet das konkret?

Das bedeutet die Augen und Ohren offen zu halten für das was um uns herum passiert. Wir leben ja nicht isoliert in einem Kloster und bekommen von der Welt da draußen nichts mit. Erst kürzlich wurde bei uns im Orden besprochen, ob wir Flüchtlinge aufnehmen können oder nicht. Wir haben uns entschieden es nicht zu tun, obwohl Gründe wie die reine Nächsteliebe dafür sprechen würden. Die Entscheidung fiel viel mehr auf rationeller Ebene, weil wir Schwestern nicht mehr die Jüngsten sind und wir uns Aufgaben wie dieser im Moment nicht gewachsen fühlen. Hinzu kommt die Sprachbarriere und andere Dinge. Aber wir besprechen solche Sachen täglich in unserer Gemeinschaft und oft kann sicheine Entscheidung dann auch drehen. Es ist wichtig, nicht vorschnell zu handeln, nur aus dem spontanen Gefühl helfen zu wollen. Wir suchen nach der bestmöglichsten Lösung.

Ist es schwierig für euch neuen Mitschwestern zu finden, die dem Orden beitreten wollen?

Ja, ich denke das sind auch die Zeichen der Zeit. Unsere jüngste Mitschwester ist noch keine Vierzig und hatte ganz urplötzlich eine Rückenmarkinfarkt erlitten und sitzt seitdem im Rollstuhl. Sie meistert ihr Leben auch dank ihres starken Glaubens weiterhin sehr gut und kann sich auch nach wie vor selbst versorgen. Aber ich habe mich dennoch gefragt, was will uns Gott damit sagen? Wir werden alle nicht jünger und ich mache mir schon Sorgen, was mit uns Schwestern im Alter geschieht. Noch sind wir einigermaßen rüstig, aber das kann sich oft schnell ändern. Jetzt Michaela muß ich an das denken was du mir vorher erzählt hast. Das du manches Mal das Gefühl hast dringend etwas aufschreiben zu müssen, daß dir auf der Seele liegt. Du musst es die sprichwörtlich von der Seele schreiben.

Dieses Gefühl kenne ich sehr gut. So wie wenn einen ein Gedanke erst dann loslässt sobald man ihn frei lässt.

Genauso erging es mir vor einiger Zeit. Ich konnte nicht schlafen und bin also mitten in der Nacht aufgestanden und habe an unseren Gründer einen Brief geschrieben.  Daran habe ich ihn um ein Zeichen gebeten, was denn jetzt unsere Aufgabe sei, wo wir doch langsam aber sicher älter werden und unsere Kräfte schwinden. Die Mitschwestern haben den Brief gelesen und waren sehr berührt, weil sie genauso fühlen.

Ein paar Tage später kam Schwester Jutta mit den Handwerkern welche die Woche über im Ferienhaus gearbeitet haben noch einmal zu uns in den Arzbacher Hof zum Schweinhaxn-Essen. Sie hatte einen großen Umschlag mit Unterlagen der Solanusschwester für mich dabei ( für deinen Blog;-) und unter anderem den Brief den sie damals an den Gründer geschrieben hatte. Darin schreibt sie über die Mißstände die ihr vorschweben, über ihre Ängste und Wünsche und ich bin aus ganzem Herzen dankbar, daß ich ihn lesen durfte. Er hat mich auch so berührt, weil er einfach so ehrlich und  aus ganzem Herzen kam und mein Respekt vor Schwester Jutta ist dadurch nur noch größer geworden.

Du hast mir einmal von deinen Reisen zu den Missionsstationen erzählt, welche die Solanusschwestern weltweit aufgebaut haben. Kannst du mir kurz noch einmal davon erzählen, damit ich es aufschreiben kann?

Ich habe im Kloster unter anderem die Aufgabe erhalten, ein Zimmer zu räumen, zu sortieren…wenn eine unserer Mitschwestern im Orden verstorben ist. Darauf hin hat man mich auserwählt, meine erste Reise nach Natal/Südafrika anzutreten. Damals um die Missionsstation aufzulösen. Diese Reise hat mich sehr bewegt und so viel für mich verändert. Ich habe damals ein großes Feuer gemacht und all die Sachen die nicht mehr gebraucht wurden in Dankbarkeit verbrannt. Und als ich so am Feuer stand, kam mir der Gedanke: Du kannst alles Materielle verbrennen, es hat keine Bedeutung, das Herz aber (und die Seele) kannst du nicht verbrennen.

Wir unterbrechen das Gespräch für einen Augenblick. Schwester Jutta’s Augen füllen sich mit Tränen und ich kann so sehr fühlen, was sie im Moment fühlt. Und ich frage mich, was wäre passiert hätte man Schwester Jutta ihren Herzenswunsch erfüllt, auf einer der Missionsstationen des Ordens zu arbeiten? Das Gelübte beinhaltet auch Gehorsam und Schwester Jutta ist in Landshut im Mutterhaus geblieben, weil sie da gebraucht wurde. Ich kann mir das gut vorstellen, weil ihre ansteckende Energie einfach zu positiv ist, um darauf verzichten zu können.

Du durftest noch einmal auf eine große Reise gehen?

Ja und dafür bin ich unendlich dankbar.  Ich reiste für drei Wochen nach Coroatá in Brasilien. Diese Reise hat mir so viel bedeutet und ich durfte in dieser kurzen Zeit unglaublich viel lernen.

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Solanusschwestern in Brasilien

 

Schwester Jutta schwärmt mir noch von dem Land und von den Menschen vor. Erzählt aber auch von der Notwendigkeit und der Hilfe der Missonsstätte dort und ich könnte ihr noch stundenlang zuhören.

Es gibt mit Sicherheit auch viel in Landshut zu tun, darum hat man dich dann wieder zu Hause gebraucht.

Ja, es gibt viel zu tun. Der Orden ist ja auch der Träger des Kinderkrankenhauses St.Marien ( in dem übrigens Herr Dr. Bethke siehe 1.Gipfeltreffen für ein Jahr Schulleiter der Berufsschule für Kinderkrankenpflege war, so klein ist die Welt) und dann ja auch das Mutterhaus in Landshut. Deswegen haben wir ja auch ein Ferienhaus in Lenggries, indem wir uns hin und wieder alle erholen können.

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Das Mutterhaus in Landshut

Gibt es etwas, daß du den Bloglesern gerne mit auf den Weg geben möchtest?

Ich habe ja vorhin von den Zeichen der Zeit erzählt. Unser Patron nach dem wir gegründet wurden der heilige Franziskus Solanus (1549-1610) war ja auch ein Reisender, jemand der sich um Kranke und Menschen kümmerte die Hilfe brauchten und genau diese Zeichen der Zeit sehr genau beobachtet hat.

Ich glaube, es ist nicht wichtig, daß es in ein paar Jahren vielleicht keinen Orden der Solanusschwester mehr gibt, es ist auch nicht wichtig, das es mich, Schwester Jutta gibt oder gegeben hat. Wenn es so gewollt ist, dann soll es so sein und es ist auch gut so. Aber was mir am Herzen liegt, ist das der Glaube in den Familien weitergereicht wird. Der Glaube an Gott und daran, daß jeder Einzelne soviel Gutes bewirken kann, daß er die Welt damit verändert.

Liebe Schwester Jutta, ich danke dir für deine Zeit und aus ganzem Herzen für dieses tief bewegende Gespräch mit dir. Du bist ein leuchtendes Beispiel für das was Glaube sein kann und daß Kirche nicht  aus einem starrem Korsett aus Dogmen und auferlegten Glaubessätzen bestehen muß, sondern  lebendig sein kann und durch Menschen wie dich heller als je zu vor leuchtet.  Ich wünsche dir ( und natürlich auch Walter und Elsa, die weiterhin und auf ewig mit euch verbunden ist) und deinen Mitschwestern alles Glück dieser Erde und das die Sonne für dich scheint und dich wärmt, genau so wie du es für anderen tust.

Aus ganzem Herzen,

deine M.


7 thoughts on “Ein Herz das kann man nicht verbrennen – Schwester Jutta im Arzbacher Hof

  1. Sehr bewegend! Eine mutige Frau auf ihre Art…und sie hat so Recht, jeder kann in seinem kleinen Bereich die Welt ein kleines bisschen besser machen. Und viele „kleine Schritte ergeben ein grosses Ganzes“ 🙂
    Dein einfühlsamer BLOG über das Leben und die Menschen, liebe Michaela, ist auch einer dieser kleinen Schritte…

  2. LIebe Petra, ja, da hast du Recht, das finde ich auch. Und ja, der Blog, so hab ich’s noch gar nicht gesehen. Aber für mich war er tatsächlich auch einer dieser Schritte 😉 Ich danke dir aus ganzem Herzen ♥

  3. Zwei der Schwestern auf dem Gruppenbild waren meine Schulschwestern in der Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. Sr Lydia und Sr Mechthild. Wo ist das Bild denn entstanden? Und wie alt ist es? Ich freu mich grad so diese beiden guten Seelen wieder zu sehen. Ist immerhin schon 20 Jahre her. Grüße Michaela aus München

  4. Liebe Michaela! Mei, ich lese deinen Kommentar erst jetzt! Das finde ich sehr, sehr interessant. Das Bild ist aus dem Archieve des Ordens, wo es entstanden ist, weiß ich leider selber nicht so genau. Freut mich sehr, dass du so gute Erinnerungen an deine Ausbildung hast. Arbeitest du denn immer noch als Kinderkrankenschwester? Tausend liebe Grüße aus dem Isarwinkel!

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