Brief ans Christkind

Liebes Christkind,
kannst du dich noch an mich erinnern? Ich bin das Kind von damals, daß sich nichts sehnlicher als ein Teleskop gewünscht hatte. Ich dachte, damit könnte ich bis zum Himmel, also bis zu dir rauf schauen. Mit viel Glück, so habe ich es mir überlegt, könnte ich die beiden Himmelstore erkennen und vielleicht stehen sie zu Weihnachten einen Spalt weit offen und ich könnte einen kurzen Blick in dein Zuhause, das Paradies werfen. Entweder ich habe mich auf dem Wunschzettel verschrieben oder irgendwer hat sich in der Himmelswerkstatt gravierend vertan, denn statt dem Teleskop wurde letztendlich ein Mikroskop geliefert. Ich habe daraus geschlossen, daß man das wahrscheinlich gar nicht darf, einfach so in den Himmel zu schauen. Durchs Schlüsselloch ist es ja auch nicht erlaubt, zumindest solange das Christkind da ist. Ich dachte mir, wenn du mir ein Mikroskop schenkst, dann hat das schon seinen Grund. Ich hatte einfach grenzenloses Vertrauen in dich. Und es war ja dann auch gut, ich konnte mir ganz wunderbare Eiskristalle und Tannenspitzen anschauen. Vielleicht liegt ein kleines Stück vom Paradies in den kleinen Dingen und dein Zuhause zeigst du mir dann irgendwann später einmal.

Wenn ich mich an Weihnachten als ich noch ein Kind war zurück erinnere, dann sehe ich immer meterhohe Schneeberge und dicke Schneeflocken, die auf die Erde fallen. Die Adventszeit hat ewig gedauert und die Vorfreude auf dich stieg jeden Tag merklich an. Bis die Spannung am Heiligen Abend so groß war, daß wir Kinder es fast gar nicht mehr ausgehalten haben. Wir sind jedes Jahr zur Kirchsteinhütte zum Schlitten fahren gegangen und beim Nachhauseweg im Wald habe ich dich ausnahmslos immer gesehen. Ganz schnell, ganz flüchtig hast du irgendwo Schnee von den Bäumen geschüttelt oder irgendwas anderes gemacht, daß ich mir jedes Mal ganz sicher war, das bist du. Die aufgeregte Stimmung bevor du geklingelt hast und uns somit ein Zeichen gabst, daß Bescherung war, das fühlte sich an wie echtes Lampenfieber. Wie wenn man kurz vor einem ganz großen Auftritt stehen würde. Herzklopfen, schwitzende Hände und so. Und die Geschenke! Es war wirklich magisch!  Aber ganz ehrlich es war mehr das Gefühl, daß alle Tore nach oben offen stehen und ich die Möglichkeit hatte dir ganz nah zu sein, das mich damals so berührt hat. Der Glauben daran, daß es jemanden da oben gibt, der auf uns aufpaßt und sich jedes Mal aufs Neue die Mühe macht, den weiten Weg zu uns zu fliegen, nur um uns Gutes zu tun. Als ich es nach und nach verstanden habe, daß es dich nicht gibt, liebes Christkind (und das hat wirklich seeehr lange gedauert) da hatte ich das Gefühl von dir bereits so tief in mir verankert, daß du für mich einfach weiter existiert hast. Du bist mehr so ein Bewußtsein geworden, ein Inbegriff für das Gute und ich fühle immer noch die Geborgenheit wie wenn du mich abends wenn ich mal nicht schlafen konnte, mit deinen weißen Flügel zu gedeckt hast. Für mich warst du die Heldin meiner Kindheit, nicht etwa Barbie oder Cinderella. Höchstens Pipi Langstrumpf, aber ich glaube du und Pipi habt euch sowieso immer gut verstanden.
Jetzt über 25 Jahre später darf ich dir noch einmal ganz nah sein, indem ich deine Geschichte an unsere Kinder weiter gebe. Du glaubst nicht was das für eine große Freude ist! Ich hoffe es ist in Ordnung, daß ich die Weihnachtsgeschichte mit jedem Jahr noch ein bißchen mehr ausschmücke. Deine Engel sind wild und manchmal frech, aber wie sonst könnten sie unserem Sohn sonst ein Vorbild sein? Deine Lieblingstiere sind auf alle Fälle Elefanten und Delfine, was dich so sympathisch für unsere Tochter macht und Babies liebst du sowieso heiß und innig. Ich möchte nämlich unbedingt, daß unsere Kinder dich so sehr lieben wie ich es getan habe und zugegeben immer noch tue. Ich möchte, daß du ihnen dieses Urvertrauen ins Herz legst und daß sie solange an dich glauben, bis sie wissen, daß es dich trotzdem gibt. Ich bitte dich liebes Christkind laß dich nicht verunsichern, von der Zeit die sich schneller und schneller zu drehen scheint. Bitte nimm alle Kinder an die Hand. Zeige ihnen, daß der Himmel in Wahrheit in ihnen ist und daß sie gar kein Teleskop brauchen um ihn zu sehen. Wolltest du mir das vielleicht sagen, als du mir das Mikroskop geschenkt hast? Alle großen Wunder sind einfach? Es braucht nur staunende Augen, ein mutiges, offenes und weites Herz. Liebstes Christkind, danke, daß du da bist. Aus ganzem Herzen, deine M.

Mein liebster Blogleser, ich bitte dich heute ganz leise zu sein, in dieser Vollmondnacht am Heiligenabend. Vielleicht hörst du das Christkind wie es zu dir spricht. Ich bitte dich ganz genau hinzuschauen, vielleicht siehst du es. Kannst du es fühlen? Weihnachten ist überall auf dieser Welt. Und der Himmel, der ist in dir.
Aus ganzem Herzen ein ganz wundervolles Weihnachtsfest mit deinem Christkind und deiner Familie, wünscht dir M.

Bild M.Linke

Das Lied zum Text


7 thoughts on “Brief ans Christkind

  1. Du schaffst es immer wieder, dass man feuchte Augen bekommt. Aber nicht aus Trauer, sondern aus Freude und Demut wie schön die Zeit einmal war und mit ein bisl Vorstellung und Liebe wieder sein kann. Mir bedeutet es grad dieses Jahr soviel, weil es in diesem Jahr wirklich knapp war und ich meiner verstorbenen Mum in diesem Jahr so nah war. Danke Dir für die schönen, positiven Gefühle, die Du in mir weckst. Frohe Weihnachten!!!

  2. Wie schön zu lesen! Ich wünschte ich hätte auch so einen innige Verbindung zum Christkind!

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