Von echten Eisbären und der Vergänglichkeit von Speicherkarten

Eine Freundin hat einmal zum mir gesagt, wenn sie auf Reisen geht, dann packt sie ins Handgepäck immer alle „wichtigen Dinge“ für die nächsten drei Tage. Nur für den Fall, daß das Gepäck einmal nicht mit ihr ankäme. Noch nie vorher hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, daß mein Koffer verloren gehen könnte. Zwei Wochen später stand ich tatsächlich in New York am Flughafen ohne Gepäck, weil das versehentlich in Haiti ( wenn’s stimmt) gelandet ist. Im Handgepäck hatte ich ein Buch, meine Kamera und eine Flasche Wasser. Das Bargeld hatte ich im Koffer verstaut. Sicherheitshalber, damit ich es nicht verlieren könne.

So ähnlich war das jetzt auch mit meiner Speicherkarte. Ich kaufte mir eine mit 16 GB. Ich habe damit sprichwörtlich alles auf eine Karte gesetzt, damit nicht so viele davon irgendwo rumliegen, es könnte ja mal eine verloren gehen. Das genau diese Speicherkarte mit allen Bildern und Videos des letzten halben Jahres kaputt gehen könnte, daran habe ich nun wirklich nicht gedacht. Obwohl das doch nahe liegend ist. Die Karte war fast voll und ich wollte die Bilder die nächsten Tage runterladen. Denkste. Die niederschmetternde Nachricht vom Fotofachgeschäft: die Karte ist kaputt, Daten nicht mehr lesbar. Letzter Ausweg: man kann die Karte einschicken in ein noch mal spezielleres Datenrettungslabor. Bezahlt wird nur bei Gelingen einer erfolgreichen Wiederherstellung und dann bitte außerordenlich viel, 370 Euro für 16GB. Oh Mann! Vor meinem inneren Augen läuft automatisch ein Bild nach dem anderen an mir vorbei- so wie früher beim Diaschauen. Unser Urlaub in Travemünde. Klick. Kati’s 1. Geburtstag. Klick. Meine ersten Gipfeltreffen und Herzensmenschentreffen im Arzbacher Hof. Fertig geschrieben. Ich wollte sie final nur noch mit Bilder unterlegen bevor ich dann auf den Veröffentlichen-Buttom drücke. Klick. Das Kinderkochen im August und die 30 Kinder, die erwartungsvoll ihre Adressen in meine Liste gekritzelt haben, damit ich ihnen später die Fotos zu schicken kann. Klick. Gefühlt klickt es endlos in mir weiter. Mein Herz wird schwer. Mein Instinkt rät mir panisch die Speicherkarte sofort einzuschicken. Vielleicht ist es die letzte Chance auf die Rettung der Bilder. Ich denke an den Radar vergangene Woche, den ich gerade noch rechtzeitig gesehen habe und im letzen Moment abbremsen konnte. Das wären mit Sicherheit 100 Euro geworden. Die 50 Euro die ich letztes Mal in meinem ausgebleichten Skihose vom Dachboden gefunden habe. Das war kurz nach der D-Mark. Gott sei Dank hatte ich den Schein schon in Euro umgetauscht. Ich denke weiter nach, ob ich in der letzten Zeit irgendwas gewonnen habe? Eher nicht. Leichter wird es mir sicher einmal fallen zu unserer Tochter zu sagen, hier schau das schöne Bild vom ersten Schultag, das hat 370 Euro gekostet, das wieder herzustellen. Ist doch besser als ich habe leider kein Foto für dich. Aber dann überlege ich…Was ist das, was uns so sehr an alten Fotos festhalten lässt? Weil es stimmt doch, die Erinnerungen sind in unserem Kopf, bestenfalls in unserem Herzen. Außerdem mag ich es doch nicht an Dinge anzuhaften. Aber sind Fotos doch nicht viel mehr? Glücklicherweise habe ich eine Angewohnheit meine Lieblingsfotos zeitnah an meine Lieblingsmenschen zu mailen. Oder ich habe sie hier im Blog hoch geladen. Wenigstens komme ich einmal nicht in Erklärungsnot, wenn unsere Kinder bei Facebook zum Posten alter Bilder nominiert werden. Ich komme zu dem Entschluss, es sollte wohl so sein. Die Fotos für der schon fertig geschriebenen Blogeinträge kann ich nach fotografieren und den Rest muß ich einfach gut beschreiben. Mir fällt eine Situation im Tierpark ein. Die Eisbärzwillinge Nela und Nobby sind frisch auf die Welt gekommen. Die Zoobesucher drängen um das Gehege. Smartphones werden gezückt. Ich beobachte eine Schulklasse. Sie fotografieren die kleine Nela und Brüderchen Nobby und schauen beim Weggehen noch mal sichtlich entzückt die gerade eben geschossenen Fotos auf dem Smartphone an. Voll süß die zwei! Halt, möchte ich rufen, ihr habt sie doch gar nicht in echt gesehen. Dreht noch mal um. Stopp! Es tut mir wirklich körperlich weh, daß sie sie gar nicht richtig angeschaut haben. Mein Gefühl sagt mir, daß ist der beste Weg das Gespür für’s Hier und Jetzt zu verlieren. Ziemlich hoher Preis, weitaus höher wie ein Smartphone je kosten würde.

Ich habe mir eine neue Speicherkarte gekauft. Damit kann ich neue Bilder machen und vom „alten“ Jahr ein Fotobuch das bleibt. Dann lösche ich alle Fotos von denen ich sowieso viel zu viel habe und suche mir die Wichtigsten aus, die ich sicherheitshalber noch einmal extra abspeichere. Sowie ich seit der New York Kofferpleite jetzt immer eine Zahnbürste im Handgepäck dabei habe. Ich glaube wir brauchen Fotos, weil sie uns das Gefühl geben, wir könnten Augenblicke einfangen. Aber die Wahrheit ist, ein Moment ist für dich genau so wertvoll, wie du ihn siehst. Ein Foto ist dabei „nur“ die Erinnerungsstütze. Es liegt an dir, an deiner Bewertung. Ich weiß das ja alles, aber ich bin mir noch nicht sicher, ob ich die Karte nicht doch noch ein schicke . Nur für alle Fälle. Es kostet ja nur was, wenn’s klappt.

Ich wünsche dir, daß du echte Eisbären siehst, nicht nur auf Fotos. Im Idealfall in der Antarktis, weil es soll traumhaft schön sein da. Ich kann das sagen, weil ich habe das auf Bildern gesehen. 🙂 Und ich wünsche dir, daß du die Wunder dieser Welt in dir speicherst, unverwüstlich und in Farbe. Dort sind sie am richtigen Platz und gut aufgehoben. Erzähle möglichst viele Geschichten darüber, dann sind sie unsterblich. Erzähle aber nur die besten Geschichten, die aus ganzem Herzen, die anderen sortierst du aus. Denn mehr brauchst du nicht. Aus ganzem Herzen, M.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.