Der Ernst des Lebens ist in Wahrheit lustig

Als im August der letzte Tag im Kindergarten nahte, hatte es angefangen. Dieses Gefühl, das besonders alle Eltern und auch sonst die meisten von uns irgendwann einmal kennen lernen.  Das Lebensabschnittsgefühl. Ich sah Leni vor mir, erinnerte mich genau an den allerersten Kindergartentag in der Biberbande. An die Tränen, ohne die es nie ganz geht. An diese Aufregung und die Neugier auf das Unbekannte die auch immer mit dabei ist, wenn etwas Altes geht und etwas Neues kommt. Die Erinnerungen stiegen ganz langsam vor mir auf, so wie Seifenblasen, die sich kurz in den schillernsten Farben vor meinen Augen präsentieren, langsam Richtung Himmel fliegen, um erst dann leise zu zerplatzen, wenn ich es nicht mehr sehen kann.  Leni beim Kinder-Yoga, das Kuh Zeichen an der Garderobe das jetzt zu Leonhard gehört und meine Hand die sie bei unseren ersten Malen auf dem Weg zum Kindergarten so fest gehalten hatte, daß ich sie am liebsten gar nicht mehr loslassen hätte. Und nicht zu vergessen der Tag an dem Leni sechs wurde,  sich für einen Tag plötzlich in Elsa verwandelte und drauf bestanden hatte im Eiskönigin Kleid zum Kindergarten zu gehen schreiten.

Doch auf einmal war er dann da, der letzte Kindergartentag. Mein Herz war bis zum Rand gefüllt mit Wehmut und tiefer Dankbarkeit für diese wunderbaren Jahre. Wäre meiner Tochter auch nur ein Wort der Rührung über die Lippen gekommen, dann wäre dieses Herz definitiv übergelaufen. Doch Leni verabschiedet sich, souverän. Ist traurig und ist froh, aber eigentlich schon nicht mehr da. Zitternd hielt ich die Kamera in der Hand, aber keiner bemerkt es. So schickte ich in Gedanken nur noch einen stillen Gruß zu den heiligen Räumen in dieses kleine, behütete Nest der Isarbiber und zu unseren Erzieherinnen, weil sie so sind wie sie sind.

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Die Sommerferien vergehen. Wie erwartet unsagbar schnell und wir schweben weiterhin in diesem Vakuum des Lebensabschnittsgefühls, solange bis die Vorfreude alles übersteigt und der erste Schultag näher rückt.

15.September.2015/ 9 Uhr Wir stehen in der Aula der Wackersberger Grundschule und die Erinnerung an meinen ersten Schultag vor ungefähr 28 Jahren sind so klar und präsent, als wäre es gerade erst passiert. Ich sehe mich mit meinem pinken Pferdeschulranzen und damals noch selbstgekaufter Schultüte, genau an diesem Ort stehend. Deja vu. Als wir nach oben in die Klassenzimmer geführt werden, stehen die älteren Kinder der Schule den ganzen Weg von der Aula bis dorthin Spalier und die Schulhymne singend „I moag mei Wackersberg, i moag mei Fischbach, i moag die hohen Berg…“ Herzschluchz. Gänsehaut. Der Schulchor halt noch lange durch das ganze Schulhaus, als wir schon lange in den Klassenzimmern angekommen sind. Meine Blicke wandern durch die Räume die so anders sind als damals und doch erkenne ich alles wieder. Meine Gedanken fliegen zu dir…

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Meine allerliebste große Tochter,

jetzt bist du also ein Schulkind. Es ist an der Zeit, das spüre ich, aber trotzdem kann ich es fast nicht glauben. Du hast mich schon so oft überrascht, daß ich eigentlich gar nicht mehr überrascht sein müßte, wenn du das tust, aber heute hast du es wieder geschafft. Wie selbstverständlich und stolz du doch deinen Schulranzen trägst, so als hättest du genau das schon immer getan. Irgendwann bald, wirst du diese Zeilen selbst lesen können. Wie sehr ich mich doch für dich freue und auf alles was vor dir liegt. Ich wünsche dir, daß du eine ganz wundervolle Schulzeit hast! Das du viele gute Freunde findest, tolle Lehrer und dort einfach eine gute Zeit hast. Ich  wünsche dir all die großen, wichtigen Dinge: das du gesund, glücklich, mutig und stark bleibst.  Und wenn ich mir jetzt Fächer aussuchen könnte in denen du lauter Einser schreiben sollst, dann wären das keine Fächer wie du sie aus der Schule kennst:  Ich möchte, daß du träumen kannst. So gut, daß du manches Mal nicht mehr in der Lage bist zu unterscheiden, ob es nur ein Traum oder ob es die Wirklichkeit ist, die du siehst und glaube mir, genau das ist der beste Weg, damit deine Träume tatsächlich wahr werden können. Träume ausschließlich groß  und verteidige deine Träume wie eine Löwin, denn es wird dir sicher jemand begegnen der dir sagen wird, es wäre nur Zeitverschwendung. Sei geduldig und lerne zu warten und es wird zu dir kommen, das verspreche ich dir. Alles fängt mit einem klitzekleinen Gedanken an, einem Wunsch, einem Gefühl…warte bis es stark genug ist und dann gehe los, dahin wo dich dein Herz trägt. Und ich wünsche dir du bist gut im Verzeihen. Fehler machen gehört einfach dazu. So mache viele Fehler, aber lerne daraus. Es ist der schnellste und beste Weg um zu wachsen. Halte an nichts fest. Nicht an den Dingen und nicht an dem was gehen will. Es ist immer ein Zeichen, daß etwas Besseres nach kommt. Vertraue. Glaube – an dich und daran, daß es eine Kraft gibt die uns führt und zusammen hält. Es wird Zeiten geben in denen du diesen Anker in dir brauchen wirst. Und zu guter Letzt, wünsche ich dir, daß du immer so lieben kannst, wie du es jetzt tust. Bedingungslos, so ehrlich, so rein, so daß es mich jedes Mal wieder in Mark und Bein erschüttert, wie es das jetzt tut, wenn ich in dein großes, gutes Herz sehen darf.  Alles andere sind nur Nebenfächer, Rechnen sowieso;-). Ich wünsche dir, daß du immer offen dafür bist zu lernen. Das du in Menschen lesen kannst wie in einem Buch, weil sie erzählen die großartigsten Geschichten. Ich wünsche dir und mir, daß wir ein Leben lang in Verbindung bleiben. Weißt du noch, als du mir die Frage gestellt hast, was ich glaube, was mit uns passiert, wenn wir sterben? Ich habe dir gesagt, daß ich glaube, daß wir alle einmal wieder in den Himmel zurück gehen und uns überlegen, welche Rollen wir beim nächsten Mal auf dieser Erde spielen möchten. Da hast du gefragt: “ Aber Mama wie erkennst du mich dann?“ Dann hast du lange überlegt und meintest: „Jetzt weiß ich’s, ich bin die mit dem Erdbeer-Bikini.“ Ja, Leni das bist du. Die mit dem Erdbeer-Bikini und der Delfinschultüte. Und ja kein rosa. Ich werde dich immer wieder erkennen, da kannst du dir sicher sein…

In unendlicher Liebe deine Mama

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P.S. Der Ernst des Lebens ist in Wahrheit, das was du draus machst und ich bin mir sicher, er ist ziemlich lustig in deinem Fall!

Und was wünsche ich dir? Ich wünsche dir, daß du wachsam bist. Das du bereit bist ein Leben lang zu lernen. Das du neugierig bleibst wie ein Kind und hungrig auf das Leben, weil das Alter keine Rolle spielt, sondern nur ein „Nebenfach“ ist. Und das du nie aufhörst zu träumen. Träume groß und bunt! Aus ganzem Herzen M.


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