Im Fluß sein und der ganz besondere Sonntagsausflug

Warst du heute schon beim Canyoning oder kommst du gerade vom Gleitschirmfliegen? Vielleicht geht’s ja später noch zum Surfen in den Walchensee oder du paddelst gemütlich auf dem Sup (für alle die’s noch nicht gehört haben: Stand Up Paddeling, also wenn man stehend auf dem Surfbrett paddelt) die Isar runter? Es gibt so viele „Funsportarten“ im Isarwinkel und der Alpencampingplatz wimmelt gerade zu von bewegungssüchtigen Abenteurern, kreativen Freigeistern und lebenshungrigen Sportlern aus aller Welt. Einer davon ist Ted Gertin aus Chile. In regelmäßigen Abständen taucht Ted immer einmal wieder bei uns auf. Er baut sein kleines Zelt am liebsten bei dem Bergerl auf der Wiese irgendwo zwischen den Dauercampern auf und ist uns jedes Mal ein äußerst gern gesehener Gast. Am Wochenende erzählte er mir und Tom an der Alpencampingrezeption, daß er morgen mit seinen Kindern eine Rafting Tour von Lenggries nach Bad Tölz macht und fragt uns, ob wir mit wollen. Wir lachen. „Ja, ja und dann fällt noch einer rein…Nein, im Ernst? Echt? Ja, klar wir kommen sofort mit!“ Und am Sonntag war es dann soweit. Wir treffen uns um 10.30 Uhr bei Montevia, der Eventagentur in Lenggries bei der Ted arbeitet. Eine Gruppe wird gerade in Neoprenanzüge mit gelben Helmen verpackt, eine andere bekommt zeitgleich auf bequemen, in kreisform angeordneten Liegestühlen eine Einweisung über den anschließenden Raftingverlauf. Ted stellt uns seine bezaubernde Frau Timcsi und seine ebenso zuckersüßen Kinder Marisol und Eliel vor. Marisol ist 6 und bald ein Schulkind, so wie Leni. Und Eliel ist 5, Kindergartenkind, so wie Tommy. Paßt doppelt und perfekt. So wie das Wetter heute. Warm, aber nicht heiß. Wolken und Sonne. Ted verteilt Schwimmwesten und Paddel für alle und wir tragen das Boot einmal quer über die Straße zur Isar, wo es Ted und Timcsi noch einmal aufpumpen und wir alle „wichtigen“ Sachen in wasserdichte Riesensäcke verteilen.

IMG_8258Wir sehen uns um. Was hier alles los ist am Sonntag. Der alljährliche Isarlauf, Floßerfest in Lenggries, Seifenkistenrennen und Tölzer Tollhausfestival…wir für unseren Teil sind das nicht gewohnt. Sonntagsausflüge sind selten und wenn dann meistens in zwei Gruppen aufgeteilt so wie heute. Papa ist in Gruppe 1, den haben wir nämlich zu Hause am Herd gelassen. Gruppe 2 ist startklar.

Wir heben das Boot langsam in die Isar und wenig später sind wir auch schon mittendrin und treiben gemächlich vor uns hin. Ted gibt kurze, kindgerechte Paddelinstruktionen und erklärt wie wir uns beim Durchqueren der gleich folgenden „Isarburg-Stromschnellen“ verhalten sollen. Bei „alle ins Boot“ müssen alle in die Mitte des Bootes (dacht ich’s mir) und ein paar Tricks beachten z.B. wie man das Paddel richtig hält. Ein paar Mal geübt, alles verstanden. Die Kinder sind hellauf begeistert und wir alle fühlen uns wie echte Piraten auf hoher See! Was irgendwie noch authentischer wirkt, wenn Marisol und Eliel mit Mama und Papa spanisch reden. Für mich reden Piraten sowieso immer schon spanisch. Vamous pirata! Da Timcsi zur Hälfte aus Ungarn kommt, sind unsere Piraten dreisprachig unterwegs. Sagenhaft!

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Was mich immer wieder fasziniert ist, das sich die Isar nach jedem Hochwasser wieder komplett verändert. Das Ufer ist auf einmal auf der entgegengesetzten Seite, die Isar fließt links statt ursprünglich rechts und umgekehrt. Der Tag fließt überhaupt so herrlich dahin. Ich kenne ihn ja in und auswendig den Isarweg von Lenggries nach Bad Tölz. Ich frage mich wie viele Kilometer ich auf dieser Strecke schon geradelt und gelaufen bin? Jetzt ist auf einmal alles neu, eine ganz andere Perspektive. Irgendwie ruhiger, entschleunigter, so entspannt.

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Fast wie wenn man in einem Freiluft-Zug (ohne Dach) sitzt und die Landschaft an einem ganz laaangsam vorbei zieht. Immer wieder entdecke ich Dinge die ich so noch nie gesehen habe. Als wir in Arzbach angekommen sind meinen unsere Kinder, daß es hier ausschaut wie daheim, ja wir sind ja auch daheim. Sie erkennen ihren Kindergartenradlweg und sind erstaunt. Also er funktioniert auch hier, der Perspektivenwechsel.

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Wenig später machen wir eine kurze, herzhafte Brotzeitpause in Klein-Kairo. Ich frage Ted was aus Karl Heinz Fett geworden ist. Eine äußert interessanten Geschichte die ich vielleicht ein andermal hier erzählen darf. Karl Heinz Fett war ein ehemaliger Obdachloser, der einfach nur so angefangen hat an diesem Teil der Isar aus Steinen meterhohe Pyramiden zu bauen. Er hat sich selbst auch ein kleines Haus aus Steinen gebaut und dort in Arzbach in Klein-Kario wie er die kleine fiktive Stadt benannt hat, gelebt.

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Später wurde daraus eine Sehenswürdigkeit und die Stadt  Tölz hat Karl Heinz eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Derzeit lebt er in der Lebenshilfe in Bad Tölz. Er ist zu alt geworden, um die schweren Steine zu heben und von Klein-Kario stehen nur noch die vom Hochwasser verschonten Ausmauern. Eine von vielen unglaublichen Geschichten die uns die Isar erzählt.

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Die Ruinen der ehemaligen Wohnung des Pyramidenbauers

 

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Während wir essen, versteckt Ted den Piratenschatz für die Kinder. Fazit: Durch Stromschnellen fahren und Schatzsuchen macht Kinder glücklich.

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Und weil das so ist, geht’s auch schon bald weiter nach Bad Tölz. Ted macht Piratenmusik auf dem Handy an, wir spielen lustige Spiele bei dem sich das Boot dreht, wackelt und schauckelt.

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Um 14 Uhr sind wir am Moraltpark angekommen. Muy felix.

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Die Zeit verging so schnell, unglaublich. Unsere Kinder tauschen Telefonnummer aus, ob’s das bei den Piraten damals auch schon gab? Lieber Ted, liebe Timcsi, liebe Marisol und lieber Eliel, danke aus ganzem Herzen, daß ihr uns auf diese ganz wundervolle, kleine Reise mitgenommen habt. Besser hätte ein Sonntagsausflug nicht sein können.

Ich wünsche dir, daß du immer einmal wieder die Gelegenheit bekommst die Perspektive zu wechseln und die Dinge anders sehen kannst. Und daß das Gefühl „im Fluß zu sein“ dich begleitet. Du musst nur los lassen und vertrauen. Am Ende kommst du immer an. Ganz von selbst.  Aus ganzem Herzen M.

IMG_8525Montevia


One thought on “Im Fluß sein und der ganz besondere Sonntagsausflug

  1. Liebe Michi,
    Ich lese deinen Blog hier in Wob,
    mein Klos im Hals.. So gross wie die Alpen! Jetzt ist die Sehnsucht nach Arzbach noch schlimmer, denke an den tollen Sommer: Badespass im Alpenbad, Bergtouren, Cordon Bleu vom Otto und Laufen an der Isar..
    Ein perfekter Urlaub für unsere kleine Familie!
    Bis ganz bald,
    aus ganzem Herzen, Eure Evi mit Karsten, Klara und Kathi

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