Die Flüchtlinge, du und ich

Wie paradox es sich doch anfühlt, wenn man in unseren „heilen Welt“ lebt und ich hier in diesem Blog über die Sonnenseiten im Leben schreiben darf, aber doch genau weiß, dass es da draußen genügend Menschen gibt, denen es momentan alles anders als gut geht. Die täglich neuen Bilder über die Flüchtlingswelle nach Europa machen sprachlos und erschüttern uns zutiefst. Wir haben genügend zu Trinken und genug Nahrung, sogar in solchen Mengen, dass wir uns Gedanken darüber machen nicht zu viel zu Essen, um nicht zu zunehmen. Die wenigsten von uns wissen was es bedeutet richtig Hunger zu haben. Die Wasserqualität ist so gut, dass wir qualitativ hochwertiges Trinkwasser aus der Leitung trinken und es sogar zum Waschen oder einfach für die Toilettenspülung verwenden können. Wir haben die Möglichkeit zu werden wer wir sind oder einfach so bleiben, wie wir es für richtig halten. Wir können jederzeit in jedes x-beliebige Land reisen, wann und wohin wir wollen. Wir können unsere Meinung sagen oder auch nicht, ja wir dürfen uns sogar aussuchen, wen wir heiraten oder in welcher Lebensform wir gerne leben möchten. Wir dürfen uns weiterbilden, lesen, jede Art von Medien nützen, um informiert zu bleiben und wenn wir einmal krank sind, haben wir auch noch ein ziemlich rundum versorgendes Gesundheitssystem, dass uns wieder auf die Beine hilft. Vorausgesetzt wir sind nicht ernsthaft krank. Alles andere haben wir in der Hand. Doch wenn es um die Gesundheit geht, werden wir demütig. Wir bewundern todkranke Menschen, wie sie ihr Schicksal meistern, wie offen und ehrlich sie oft mit dem Sterben umgehen, wir selber hätten nicht den Mut dazu. Vielleicht ist es genau dieses Kraft, die dann entsteht, wenn man weiß, das Leben ist endlich. Wenn man weiß, meine Träume muss ich schon selbst erfüllen, sonst tut das keiner. Zumindest kann ich schon mal einen erheblichen Schritt dazu beitragen, wenn ich darauf zu gehe. Wie gerne würde man die „großen Träume“ oft noch zur Seite legen und für später aufheben. Aber Träume wollen gelebt werden und manche Träume sind so hartnäckig, dass sie ein Leben lang an einem kleben bleiben und einen regelrecht verfolgen. Ein nicht gelebter Traum ist wie eine leere Hülle. Wie die ein Heißluftballon in dem keiner mitfliegt, weil es zu mühsam ist ihn auf steigen zu lassen. Doch es wäre jede Mühe wert, aber das wissen wir ja nicht, wenn wir am Boden bleiben.  Ist uns denn nicht allen klar, dass auch für uns irgendwann unsere Zeit gekommen ist und wir in dieser Form endlich sind. Das wir nie wissen, wie viel Zeit uns noch bleibt und das wir damit alle in einem Boot sitzen. Das tun wir sprichwörtlich wirklich. Mittlerweile ist die Flüchtlingswelle überall angekommen. Sogar bei uns in Lenggries, Bad Tölz… zwar noch nicht so ausgeprägt wie in den Großstädten, aber sie ist da. Im Grunde sind wir doch alle Menschen die hier auf dieser Erde leben. Alles ist geliehen und so sehr wir auch an unseren wunderbaren Leben hängen, irgendwann müssen wir es wieder abgeben, wie einen geliehenen Mantel an der Garderobe. Deswegen kann (vielleicht genau darum) das Leben ein riesengroßes, unglaubliches Geschenk sein. Eine großartige Chance. Das Leben ist endlich, aber auch unendlich kostbar.

Ich bin in Oberbayern geboren. Bin ich dann Bayerin, Deutsche oder eher Europäerin, alles zusammen oder einfach nur eine von geschätzten 7.3 Milliarden Menschen der Weltbevölkerung. Habe ich denn ein Recht darüber zu bestimmen, wer in meinem Land leben darf und wer nicht, nur weil ich zufällig da geboren bin und ist es genau genommen überhaupt „mein Land“? Wie kann ich denn über die Situation von den Flüchtlingen überhaupt urteilen, sie werden sicher ihr Leben nicht ohne triftigen Grund riskieren. Würden wir in ihrer Situation nicht genauso handeln? Die Menschen kommen in unser Land, weil sie schlichtweg Todesangst haben und einen Traum vom guten Leben an einem sicheren, friedlichen Ort. Man liest so viel, man sieht und hört soviel. Bilder von toten, vom Meer angespülten Kindern, verzweifelten Menschen, Reportagen über die Zustände vor Ort bis hin zu rassistischen Parolen die in Neonfarben über die Eingangstüre von Flüchtlingsunterkünften geschmiert wurden. Und doch wissen wir viel zu wenig darüber, um sich ein aussagekräftiges Urteil bilden zu können. Was kann man tun? Wie kann man am besten mit dieser Flüchtlingswelle mit schwimmen ohne unter zu gehen, wenn man doch hin und her gerissen ist, zwischen Bedenken ob nicht alles doch irgendwann einmal kollabiert, reiner Menschlichkeit und Mitgefühl für die Flüchtlinge. Ich habe keine Ahnung und die eine richtige Lösung gibt es wohl nicht. Die Welt ist global geworden. Jede Handlung sei sie auch noch so klein, betrifft uns alle. Konkret: Wenn ein Baum im Regenwald abgeholzt wird, mag das noch kein Vergehen sein, in der Menge aber schon und das hat dann wiederum Auswirkungen auf die ganze Erde. Ob ich nun in China oder Norwegen lebe. Wenn irgendwo auf der Welt Krieg ist, hat das auch Konsequenzen für alle von uns. Wir sind alle eins. Das ist Fakt. Nun kann man das Ganze auch umdrehen. Je mehr jeder für dieses große Ganze einsteht, es liebt und verteidigt, um so mehr kommt zu uns allen zurück. Wir sollten die Flüchtlinge in „unserem Land“ willkommen heißen. Jenseits der Frage, ob es nicht andere, vielleicht sogar bessere Lösungen gibt, als die zwangsweise mit erheblichen Gefahren verbundene Flucht nach Europa, welche auf Dauer keine nachhaltige Lösung sein kann. Und trotzdem: habe keine Angst vor dem Unbekannten! Habe keine Angst vor Veränderung! Das hat uns in der Vergangenheit immer mehr gelähmt, als weiter gebracht. Es gibt überall „gute“ und „schlechte“ Menschen, das hat nichts mit Herkunft und Hautfarbe zu tun. Wenn es mittlerweile auch nicht mehr allzu viele Zeitzeugen gibt, dann gab es in Deutschland dennoch auch einmal eine Zeit, in der wir dringend Hilfe gebraucht haben. In der unser Land auch Opfer eines kalten Krieges gewesen ist. Immer schon gab es selbstlose Menschen, die geholfen haben. Die sogar ihr Leben riskierten, um zum Beispiel jüdischen Menschen Unterschlupf zu gewähren. Heute sind das genau die Leute, die Flüchtlingen entgegen manch abschätzigem Blick der Nachbarn bei sich zu Hause aufnehmen. Zwar nicht mehr unter Lebensgefahr, aber aus Überzeugung und unabhängig der Meinung anderer.

Ich wünsche dir, dass du mit den Herzen handelst, in jeder Situation. Das du an das Gute glaubst und keine Angst hast, daran fest zu halten. Wenn wir uns darauf ganz einlassen, besteht immer Hoffnung und denk dran: Wunder geschehen dann, wenn es an der Zeit ist.
P.S. Ich wollte diesen Blogeintrag ohne Titelbild schreiben, denn was könnte ich denn auch einstellen was einigermaßen passend ist? Doch dann ist mir beim Ausräumen unseres Wohnzimmers zufällig dieses Bild vor die Füße gefallen. Sofort war er wieder präsent. Dieser Tag im Schwimmbad. Diese Zeit in Peru. Mein Herz klopft laut und die Erinnerungen sind für mich abrufbar, wie der Refrain eines Lieblingsliedes, welchen man nie vergisst, weil er sich für immer unwiderruflich eingeprägt hat. Damals war ich gerade zwei Monate in Hogar de San Louis, einem Heim für Straßenkinder in Arequipa, Peru. Ich weiß heute gar nicht mehr so sehr, warum ich damals dort hin gereist bin, ich weiß nur, dass ich es irgendwie musste. An diesem Tag sind wir mit den Kindern in ein kleines, öffentliches Schwimmbad gegangen. Der Tag war so ausgelassen, so leicht, so wunderschön. Ich weiß nicht genau was da passiert ist, es war wie ein perfekter Tag im Paradies. Obgleich es das ja offensichtlich nicht war, weil alle äußeren Umstände dagegen sprachen. Aber er war es doch und wir alle haben es damals gefühlt, da bin ich mir ganz sicher. Als ich mich am Ende meiner Zeit vom Hogar und den Jungs (es war ein Heim für Jungen) verabschiedete, liefen wir tagelang die Tränen wie Sturzbäche über die Wangen. Vor Glück, Verbundenheit und Dankbarkeit. Ich war so ergriffen von diesen Kindern, von ihren Talenten, von ihren ganz unglaublichen Potentialen, wobei sie selber doch so wenig an sich glaubten. Ich denke, sie haben damals gespürt, dass ich sie ganz sehen kann. Mit all ihrer Schönheit & Stärke und all den wunderbaren Schätzen die in ihnen lagen. Was hat das mit der Flüchtlingswelle gemeinsam? Wenn wir offen sind, keine Angst haben uns zu begegnen, dann kann dieses Wunder geschehen. Wir müssen nur richtig hinschauen und das Beste in jeden Menschen erkennen. Komm lass uns Freunde auf Zeit werden, komm lass uns leben. Zusammen. Egal wie kompliziert das Problem ist, lass es uns annehmen. Lass uns auf einander zu und vielleicht ein Stück gemeinsam gehen. Hinter jeden Menschen steckt eine einzigartige Persönlichkeit, eine Geschichte, die erzählt werden möchte, du musst nur zu hören. Statt Enge und Angst, wünsche ich dir Vertrauen und Freunde auf der ganzen Welt. Auch wenn’s gerade schwierig ist und genau deswegen. Und weil es am Ende wieder die Liebe ist, die uns alle trägt. Love, no war. Aus ganzem Herzen M.

Titelbild/ Irgendwer aus Arequipa, zu einer Zeit in der es noch Filme zum Entwickeln gab Anmerkung: Wir haben versucht auf diesem Bild nicht zu lachen. Anders als bei den „Cheese-Bildern“ haben wir vor uns her gebrummt. Bedingt gelungen.

http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-04/fluechtlinge-fluechtlingspolitik-eu-mittelmeer-frontex

http://www.welt.de/politik/deutschland/article144535152/Warum-die-Fluechtlingswelle-nicht-zu-stoppen-ist.html


8 thoughts on “Die Flüchtlinge, du und ich

  1. Du hast so Recht. Ich wünschte es würden mehr Menschen so denken und handeln. Anni

  2. Es wird auf alle Fälle noch lange ein Thema sein, daß uns beschäftigt. Liebe Grüße zu dir Anni!

  3. LIebe Michaela, die Liebe wählen, wenn man nur immer wüßte wo die Lieben den steckt in unseren Wahlprogrammen? Aber du hast so Recht, man kann sie jeden Tag wählen. Das tue ich auch. Danke für deine Worte und viele Grüße von der anderen Isarseite

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